Lautlese-Tandems in der Praxis

Lautlese-Tandem in der GrundschuleLautlese-Tandem in der Grundschule, Bildrechte: Silke Beckmann-Trautrims

Immer wieder loben und motivieren

Zuerst war Silke Beckmann-Trautrims nicht angetan vom Konzept des Lautlese-Tandems. Sie befürchtete: „Das wird den Kindern wohl langweilig werden. Und der Lärmpegel in der Klasse, wenn zehn Paare laut vorlesen — das stört die anderen doch.“

Heute ist die Grundschullehrerin eine überzeugte Anhängerin der Methode, denn die Erfolge sprechen für sich. Die Leseflüssigkeit der Schülerinnen und Schüler wird immer besser. Doch das ist nicht das einzige positive Ergebnis. Das Tandem-Lesen ist gut für den sozialen Zusammenhalt in der Klasse: „Die Schülerinnen und Schüler achten mehr aufeinander, weisen darauf hin, wenn eine Mitschülerin oder ein Mitschüler etwas nicht versteht“, schildert Silke Beckmann-Trautrims. Die Kinder werden zudem selbstbewusster. Sie trauen sich inzwischen zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen und fragen nach, wenn sie ein Wort nicht kennen. Für die Pädagogin ist das ein Ergebnis des Tandem-Lesens. Denn dabei ist die Hemmschwelle niedrig, einen Fehler oder eine Wissenslücke zuzugeben: Stolpern die Schülerinnen und Schüler über einen unbekannten Begriff, können sie erst einmal ihre Tandempartnerin oder ihren Tandempartner nach der Bedeutung fragen. Wenn auch die oder der nicht weiter weiß, fragt das Lese-Team zusammen die Lehrerin. Für die Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, zu erkennen: Keiner weiß alles, und Nachfragen ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Start in der zweiten Klasse

Silke Beckmann-Trautrims unterrichtet an einer Grundschule in Hof. Die Primarschule hat 170 Schülerinnen und Schüler. Viele haben Deutsch nicht als Muttersprache; etliche stammen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Silke Beckmann-Trautrims ist gemeinsam mit Gabriela Härtl von der Grundschule Altenstadt BiSS-Verbundkoordinatorin im Primarschulbereich Oberpfalz-Oberfranken. Die Koordinatorinnen betreuen ein halbes Dutzend Grundschulen. In den sechs Schulen werden die Lautlese-Tandems unterschiedlich stark genutzt. Doch das Interesse an der Methode wächst, beobachtet Silke Beckmann-Trautrims. Sie ist allerdings auch überzeugt: Man kann die Fördermethode niemandem aufzwingen; sie muss zu den Kindern und zur Lehrkraft passen.

An der Grundschule setzt das BiSS-Leseförderkonzept und damit auch das Tandem-Lesen mit der zweiten Klasse ein und wird in jedem neuen Grundschuljahr fortgeführt. Die Lautlese-Tandems werden im ersten Schulhalbjahr intensiv genutzt, um die Leseflüssigkeit zu fördern. Im zweiten Halbjahr stehen dann Sinnerfassung und strategiegeleitetes Lesen im Mittelpunkt. Aber auch im zweiten Schulhalbjahr kommt das Lautlese-Tandem immer wieder mal zum Einsatz. So können die Kinder in einem neuen Schuljahr nahtlos wieder in das Tandem-Lesen einsteigen, denn sie kennen das Prozedere ja noch aus der letzten Klasse.

Eine gute Einführung zahlt sich aus

Silke Beckmann-Trautrims nahm sich viel Zeit, die Fördermethode für ihre Klasse vorzubereiten und einzuführen. „Die größte Schwierigkeit war, passende Texte zu finden. Erst durch das Lautleseverfahren ist mir bewusst geworden, dass die Texte in den Schulbüchern für die angegebene Jahrgangsstufe oft zu schwer sind.“

Die Lesepartnerschaften bildete sie durch das Lautleseprotokoll: Jede Schülerin und jeder Schüler las eine Minute lang vor und die Lehrerin zählte die Anzahl der gelesenen Wörter, um die Lesegeschwindigkeit zu ermitteln. Zugleich achtete sie auf Fehler und auf die sinnentsprechende Betonung. Ihre Erfahrung: Es gibt Ausreißer nach oben und nach unten, die meisten Schülerinnen und Schüler finden sich aber im Mittelfeld wieder. Aufgrund der manchmal geringen Unterschiede in der Leseflüssigkeit nahm sich die Lehrerin die Freiheit, Tandems nicht streng nach der ermittelten Liste zusammenzustellen, sondern auch darauf zu achten, dass nicht etwa Kinder ein Lesepaar bilden, die überhaupt nicht „miteinander können“. Insgesamt investierte die Grundschulpädagogin drei Unterrichtsstunden in die Erklärung und Vorbereitung der Methode. In der ersten „Lesewoche“ setzte sie zudem jeweils eine ganze Schulstunde für das Tandem-Lesen an. Die Erfahrung der Lehrerin: Die gründliche Einführung lohnt sich. „Wenn die Methode einmal läuft, ist alles kein Problem.“ Für sehr wichtig hält sie auch die Feedbackrunde am Schluss jeder Tandem-Einheit. Drei bis vier Minuten reichen, damit die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen können und die Lehrerin berichten kann, was ihr an der Lautleserunde gut gefallen hat und was weniger.

Die Paare sind Teams, keine Konkurrenten

Silke Beckmann-Trautrims hat die Lautlese-Tandems fest in den Unterricht integriert. Den Kindern soll klar werden: Ich mache das nicht für die Deutschlehrerin, sondern weil ich Lesen überall brauche. Deshalb rät die Pädagogin dazu, die Lautlese-Tandems nicht nur im Deutschunterricht anzuwenden, sondern auch in anderen Fächern, egal ob Sachunterricht, Musik oder Mathematik, wo man eine Textaufgabe durchaus für ein Lautlese-Tandem zwischendurch nutzen kann. „Wenn mehrere Lehrkräfte bei der Methode mitmachen, ist das ideal. Man kann sich gegenseitig sehr entlasten.“

Die Grundschullehrerin befürwortet eine pragmatische Anpassung des Konzepts Lautlese-Tandem an die jeweiligen Klassen- und Unterrichtsanforderungen. So findet das Lautlese-Tandem in ihrer Klasse zweimal statt dreimal wöchentlich statt und sie besteht nicht darauf, dass ihre Schülerinnen und Schüler jeden Text mindestens viermal in 15 Minuten lesen. „Mir ist es lieber, sie lesen den Text ohne Druck nur zwei- oder dreimal, aber dafür konzentriert und genau.“

Die Lautlese-Tandems hat sie mit dem Sportlervergleich eingeführt: Das Lesen wird als Training vorgestellt, die Teampartner werden Trainerin beziehungsweise Trainer und Sportlerin beziehungsweise Sportler genannt. Aber in ihrer Klasse dürfen sich alle als Trainerin oder Trainer sehen, weil die Rollen in jedem Team regelmäßig gewechselt werden. Damit will die Pädagogin den Eindruck verhindern: Die Trainerin oder der Trainer kann alles, die Sportlerin oder der Sportler ist weniger gut. Der Rollenwechsel hat außerdem den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler wachsam bleiben und die- oder derjenige, die beziehungsweise der gerade Trainerin oder Trainer ist, auch wirklich aufmerksam mitliest. Für die Leseleistung der Sportlerin oder des Sportlers verteilen die Kinder Smileys auf ihrem Leseprotokoll: ein lachendes Gesicht für wenige Fehler, ein ernstes für viele Fehler.

Das Tandem-Lesen muss spannend bleiben

Manchmal können sich die Kinder ihre Lesepartnerin oder ihren Lesepartner auch selbst aussuchen, damit die Lautleserunden spannend bleiben — zudem kommt das dem Schulalltag entgegen, weil nicht immer alle Kinder da sind. Lautlese-Tandems, so die Erfahrung aus Hof, lassen sich auch gut einsetzen, wenn die Klasse differenzierte Aufgaben bearbeitet. Dann kann ein Teil der Schülerinnen und Schüler die Leseflüssigkeit trainieren, während die Lehrerin mit den übrigen Kindern etwas anderes bearbeitet. Das Gemurmel der halblaut Lesenden stört dabei nicht. Silke Beckmann-Trautrims ermuntert die Kinder auch, das Tandem-Lesen zu Hause mit ihren Eltern zu üben. „Das motiviert die Kinder sehr. Vor allem, wenn sie der Trainer sein dürfen.“

Überhaupt: Motivation ist alles, wenn es um die Förderung der Leseflüssigkeit geht. Deshalb sollte sich die Lehrerin während der Lautleserunden immer wieder dazusetzen, achtgeben, dass nicht geschludert wird und vor allem viel loben. Wenn alle paar Wochen mithilfe des Lautleseprotokolls die Leseflüssigkeit neu ermittelt wird, sehen die Kinder gleich die Verbesserung. „Sie sind dann richtig stolz“, hat Silke Beckmann-Trautrims beobachtet.

„Manche Kinder sind immer motiviert, bei anderen muss man dranbleiben“, berichtet die Lehrerin. Immer wieder nutzt sie im Unterricht Gelegenheiten, auf den Erfolg der Leseübungen hinzuweisen: „Seht ihr, diese Aufgabe habt ihr beim ersten Lesen verstanden, weil wir so gut geübt haben!“

Laut lesen heißt genau lesen

„Das laute Lesen ist so wichtig, um genau und richtig lesen zu lernen. Wenn man damit nicht frühzeitig beginnt, geht das schnell im Fächerkanon unter“, ist Silke Beckmann-Trautrims überzeugt. Beim leisen Lesen sei es für die Lehrkraft mühsam herauszufinden, wie viel die Kinder wirklich verstanden haben. „Fragt man nach dem Textinhalt, kommen häufig nur ein paar Schlagworte. Leise lesen die Kinder manchmal oberflächlich oder deuten etwas in den Text hinein, was nicht da steht“, weiß die Deutsch- und Sportlehrerin. Die Pädagogin hält auch wenig davon, nur eine Schülerin oder einen Schüler laut lesen zu lassen, wie es früher im Unterricht praktiziert wurde — mit dem Ergebnis, dass der Rest der Klasse vor sich hindämmerte. Gerade die schwachen Schülerinnen und Schüler, die am meisten vom lauten Lesen profitiert hätten, wurden nicht drangenommen, weil ihr stockender Vortrag zu lange gedauert hätte. Beim Lautlese-Tandem hingegen müssen alle Kinder laut und damit genau lesen. Und die Feedbackrunde ist eine ideale Gelegenheit, mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch über die Textinhalte einzusteigen.

Weitere Informationen:

BiSS-Broschüre „Gemeinsam fit im Lesen“

Verbund BiSS Oberpfalz / Oberfranken - Grundschule

Qualitätscheck der Förderkonzepte und Förderinstrumente für die Primarstufe