Durchgängige Leseförderung in Hessen

Ein Bericht der hessischen Landeskoordinatorin Ulrike Krug

In Hessen beschreitet man mit der systematischen Implementierung eines kohärenten wissenschaftsbasierten Konzeptes zur Leseförderung in allen Schulformen einen bundesweit einmaligen Weg, der geprägt ist von rahmengebender Orientierung und Unterstützung zur Umsetzung einer wissenschaftsbasierten Leseförderung in allen Schulen. Der folgende Beitrag informiert über die wesentlichen Schritte des Projekts Verstärkte Leseförderung an hessischen Schulen.

Ausgangslagen erheben

Sowohl im Primar- als auch im Sekundarbereich wurde in den hessischen Verbundschulen damit begonnen, die bisherigen schulischen Angebote zur Leseförderung auf der Grundlage der sogenannten „Checkliste“ zu bilanzieren. Die „Checkliste“ beinhaltet die wissenschaftlich gesicherten Elemente, die die Lesekompetenz bedingen (siehe Abb. 1).

Fokus der Leseförderung

Der Fokus der Leseförderung und damit der Maßnahmen soll auf die bedeutsamen und beeinflussbaren Elemente der Lesekompetenz gerichtet sein; diese entsprechen dem aktuellen wissenschaftlichen Stand in der Leseforschung:
  • Leselernstandsermittlungen
  • Dekodierfähigkeit (Vorwissen, Leseflüssigkeit)
  • Einübung von Lesestrategien (auch: Schreiben zum Lesen)
  • Lesen in allen Fächern
  • Leseinteresse/-motivation
  • Leseförderung für Jungen

Abb. 1

Sie bilden das Kernstück im hessischen Leseprojekt, weil sie der Orientierung für die Lehrkräfte dienen, ohne deren Arbeit zu verwerfen. Vielmehr gilt es, die bisherige Arbeit und die schulischen Angebote zur Leseförderung auszurichten auf die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Nach der Bilanzierung mittels der „Checkliste“ zeigte sich: Vor allem im motivationalen Bereich gibt es zahlreiche Angebote für die Schülerinnen und Schüler, wohingegen die Förderung der Leseflüssigkeit und das Einüben von Lesestrategien in den Schulen noch nicht etabliert sind. Auf Grundlage der Bilanzierungen mit der „Checkliste“ wurden Entwicklungsziele für jede Schule im Verbund abgeleitet und als nächste Schritte vereinbart (siehe Abb. 2).
Dabei war auffallend, dass der Entwicklungsbedarf in allen Schulen identisch war und ist: Verbesserung der Leseflüssigkeit und Einübung von Lesestrategien sind die vorherrschenden Ziele in allen Grund- wie auch Sekundarstufenschulen.

Orientierungsrahmen für ein schulisches Leseförderkonzept - Checkliste.png
Abb. 2

Modulares Fortbildungsangebot

Um diesen Bedarfen zu begegnen, wird den Schulen im Rahmen des hessischen Leseprojektes eine umfassende, modulare Fortbildung angeboten (siehe Abb. 3). Jedes Modul beginnt mit einer theoretischen Fundierung zum Fortbildungsschwerpunkt und führt dann über die Diagnostik zu Fördermaßnahmen, die auch konkret eingeübt bzw. angewandt werden. Im ersten Modul Lesefertigkeit/Leseflüssigkeit übten die Lehrkräfte ganz konkrete Fördermaßnahmen zur Steigerung der Leseflüssigkeit ein. Ein Förderangebot stellen beispielsweise Lautlesetandems dar, die in allen Verbundgrundschulen seit Herbst 2015 mit Erfolg und zur Zufriedenheit der Lehrkräfte eingesetzt werden. Lautlesetandems sind kooperative Lautleseverfahren, bei dem zwei Kinder als „Lese-Trainer“ und „Lese-Sportler“ Texte (halb-)laut vorlesen und in diesem Tandem soziale und lernprozessbezogene Aufgaben übernehmen. Für die Arbeit mit den Lautlesetandems stellen sich die Verbund-Schulen gegenseitig besonders geeignete Lesetexte zur Verfügung, was die alltägliche Leseförder-Arbeit sehr entlastet.

Grafik: Hessisches Leseförderprojekt - Fortbildungsmodule
Abb. 3

Evaluation der Maßnahmen

Hessisches Leseförderprojekt - Selbstreflexionsbogen
Abb. 4 (zum Vergrößern anklicken)
Nach der Erprobung und Etablierung der Lautlesetandems in den Grundschulen wurden die Lehrkräfte in einer pädagogischen Konferenz zur Selbstreflexion und Evaluation dieses Lautleseverfahrens angeleitet. Die Schulleiterinnen erhielten einen Evaluationsbogen sowie eine Ablaufplanung für die pädagogische Konferenz, die sie dann an ihrer Schule allein durchführen konnten (siehe Abb. 4).
Die Selbstevaluation mündete in eine Abstimmung über die verbindliche Etablierung der Lautlesetandems als Instrument zur Förderung der Leseflüssigkeit in der jeweiligen Schule. Dieser Beschluss wurde jeweils in das schulische Leseförderkonzept aufgenommen und ist verbindlicher Teil des Schulprogramms jeder Grundschule im Verbund.

Diagnostik

Nur auf der Grundlage einer Lernausgangsdiagnostik und begleitenden Lernverlaufsdiagnostik können Lehrkräfte wirkungsvoll fördern. Der Diagnostik kam im hessischen Leseprojekt daher von Beginn an größte Bedeutung zu. So beginnt keine der Verbundschulen mit der Förderung, ohne vorher eine Diagnose der Lernstände vorgenommen zu haben. Das gilt auch für die Module des Fortbildungsangebotes, bei denen nach einer theoretischen Grundlegung zum Schwerpunkt stets die Anleitung zur Diagnose der Lernstände der Schülerinnen und Schüler folgt. Neben der Lernausgangsdiagnostik kommen auch begleitende (formative) Lernstandsfeststellungen zum Einsatz. Diese tragen dazu bei, das didaktische Vorgehen besser auf die individuellen Lernvoraussetzungen und -fortschritte abstimmen zu können, ermöglichen somit ein adaptives unterrichtliches Vorgehen und eine individuelle Unterstützung von Lernprozessen. Sie machen zudem Lern- und Entwicklungsgefährdungen frühzeitig sichtbar (siehe Abb. 5).

Grafik: Warum formative Lernstandsfeststellungen?
Abb. 5

Fazit

Gerade der Bereich der Leseförderung zeigt, dass in den Schulen bereits sehr viel gemacht wird - allerdings häufig ohne Ausrichtung auf wissenschaftlich gesicherte Befunde oder Grundlagen. Dies führt dazu, dass Lehrkräfte viel unternehmen, hoch investieren, ohne dann die erwarteten Lernerfolge zu erzielen. Ganz wichtig ist daher immer eine Bestandsaufnahme zu Beginn eines Entwicklungsprozesses, eine Bilanzierung, weil es in den Schulen bereits viele Angebote - z. B. zur Leseförderung - gibt, die man nicht einfach aufgeben sollte. Grundlegend und bedeutsam ist dabei die Orientierung an wissenschaftlich gesicherten Elementen, die die Lesekompetenz bedingen. Wichtig ist zudem, die Leseförderung an den Befunden der Bilanzierung auszurichten und gemeinsam im Kollegium zu einem Konsens über die Diagnostik- und Fördermaßnahmen zu kommen. Dieser Konsens muss dann als verbindlicher Mindeststandard einer Schule festgeschrieben werden im Förderkonzept/Schulprogramm, damit alle Lehrkräfte auf der Grundlage dieser Vereinbarung eine in der Schule einheitliche und somit chancengerechte Förderung der Schülerinnen und Schüler ermöglichen.

Ein einheitliches Lesekonzept für alle Schulen in Hessen

Seit 2016 wird das Lesekonzept Verstärkte Leseförderung an hessischen Schulen in Hessen mit einer systematischen Implementierung in alle Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe I gebracht. Mit folgender Implementierungskaskade wird gewährleistet, dass alle an Schule beteiligten Akteure gleichermaßen über das Konzept informiert sind:

  1. zunächst die Leiterinnen und Leiter der Staatlichen Schulämter,
  2. alle Dezernentinnen und Dezernenten in den Staatlichen Schulämtern,
  3. die Schulleiterinnen und Schulleiter,
  4. schließlich die Lehrkräfte in allen Schulen.

Bis zur Ebene der Schulleiterinnen und Schulleiter ist das Ziel, Informationen und Unterstützung für die Steuerung des diesbezüglichen Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesses zur Leseförderung zu geben. Daher ist es wichtig, die Schulleiterinnen und Schulleiter auch zum ersten Schritt für die Umsetzung des Konzeptes anzuleiten: die Bilanzierung der schulischen Leseförderung im Hinblick auf die wissenschaftlich gesicherten Elemente der Lesekompetenz und die Ableitung von Entwicklungszielen zur Leseförderung. Diese direkten Erfahrungen der Schulleiterinnen und Schulleiter sind Grundlage und Voraussetzungen für die Information über das Lesekonzept im jeweiligen Kollegium. Dort fällt auch die Entscheidung darüber, wann die Arbeit am schulischen Lesekonzept angegangen werden soll - zumindest die Bilanzierung soll in jeder Schule jedoch zeitnah durchgeführt werden. Die Fortbildungsmodule können dann in zeitlicher Passung zur übrigen schulischen Arbeit abgerufen werden. Durch gut qualifizierte Fortbildnerinnen und Fortbildner bzw. Unterrichtsentwicklungsberaterinnen und -berater werden sowohl die Vorstellung des Konzeptes, die Durchführung der Bilanzierung sowie die Fortbildungen zu den insgesamt drei Modulen in der einzelnen Schule durchgeführt.

Über die Autorin:

Ulrike Krug ist Landeskoordinatorin der BiSS-Verbünde in Hessen. Sie ist zuständig für Schulentwicklungsprojekte im hessischen Kultusministerium. Seit 2005 ist sie Leiterin des Projektbüros für förder- und kompetenzorientierten Unterricht für das Hessische Kultusministerium; das entsprechende Konzept ist im Handbuch für förder- und kompetenzorientierte Unterrichtsentwicklung erschienen. 2012 hat sie auf der Grundlage der BiSS-Expertise das Konzept für das Projekt Verstärkte Leseförderung an hessischen Schulen entwickelt und die Fortbildungsmodule gemeinsam mit Dr. Daniel Nix ausgearbeitet.

Weitere Informationen:

BiSS-Verbund: Umsetzung des Konzeptes der „Verstärkten Leseförderung“ der Schulen der Sekundarstufe I im Rheingau

BiSS-Verbund: Umsetzung des Konzeptes der „Verstärkten Leseförderung“ von Grundschulen im Rheingau

BiSS-Handreichung „Durchgängige Leseförderung“

Qualitätscheck der Förderkonzepte und Förderinstrumente für die Primarstufe

Qualitätscheck der Förderkonzepte und Förderinstrumente für die Sekundarstufe