Die Buch-Macher - Ein kreatives Projekt zur Sprachförderung in einer Hamburger Kita

Quelle: TPS Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. 3/2017

Ein Bericht der Verbundkoordinatorin Susanne Kühn

Ein ganz normaler Montag in der Kita Sanitasstraße. Die Tür bei den Füchsen geht auf und die Erzieherin und Kindheitspädagogin Bianca Kaminski steckt mit der Handpuppe Plim ihren Kopf herein. Sie spricht gezielt drei Kinder an und bittet sie, ihre „Taschen-Bücher“ vom Wandregal zu holen und mitzukommen. Die Kinder wissen genau, was jetzt kommt. Seit mehreren Wochen schon folgen sie Bianca in einen Raum im Erdgeschoss, der sonst für Besprechungen und Elterngespräche genutzt wird, aber montags immer mit Erlebnissen und Sprache gefüllt wird.

Bianca Kaminski arbeitet schon mehrere Jahre als Teilzeitkraft in der Kita und führt kreative Projekte durch. Als sich das Kita-Team auf den Schwerpunkt Sprache konzentrierte, war klar, dass auch Bianca in ihren Projekten die Sprache in den Mittelpunkt rücken würde. Ganz gezielt stellte sie mit dem Team Kleingruppen zusammen, sie vereinbarten räumliche und zeitliche Rahmenbedingungen. Alle sind informiert und greifen das Projekt im Gruppenalltag auf. Mit drei Kleingruppen aus je vier Kindern startete sie vor zwei Jahren. Inzwischen sind es 28 Kinder in sieben Kleingruppen, die kontinuierlich mit ihr arbeiten.

Erleben – Gestalten – mit Sprache erfassen

Das Konzept, das dahinter steht, ist gut durchdacht und bewährt: Die Kinder erleben und sammeln neue Eindrücke, dann folgt die Gestaltungsphase, und das hilft, die Sprache zu „begreifen“ sowie sprachliche Elemente und Strukturen zu erfassen. Das Motto ist unter anderem aus der Reggio-Pädagogik bekannt: Gestaltungsprozesse sind Erkenntnisprozesse! Kommunikation findet dabei auf allen Ebenen und mit vielen verschiedenen Mitteln statt. In den ersten Wochen wurden Rituale eingeführt: ein immer gleicher Anfang und ein fester Abschluss. Inhaltlich ging es um das Kennenlernen: Wer bin ich, wer sind die anderen, wie heiße ich, wie sehe ich aus?

Es entstanden Seite um Seite „Ich-Bücher“, mit Zeichnungen und Fotos, Wörtern und Sätzen – laminiert, unverwüstlich und zusammengefasst in Form einer kleinen Tasche, die die Kinder mit in ihre Gruppen nehmen können. So war die Idee der „Taschen- Bücher“ entstanden. Jeden Montag werden neue Seiten für die Bücher gestaltet.

Zusammen mit der Sprachfachkraft der Kita und der Fortbildnerin im Rahmen eines Sprach-Projekts1 entwickelte Bianca die sprachlichen Elemente, die in die Gestaltung der Bücher einfließen. So kam es auch dazu, dass Bianca auf die Seiten nicht nur einzelne Wörter schreibt, sondern kurze Sätze.

Die ersten Seiten der Bücher gestalteten die Kinder mit ihren Hand- und Fußabdrücken. „Das ist meine Hand“, wurde unter das Bild geschrieben, und: „Das ist mein Fuß.“ Die Kinder gehen wieder zurück in ihre Gruppen, nehmen stolz ihre Bücher mit, zeigen sie den Erzieherinnen und den anderen Kindern. Die Erzieherinnen können dann vorlesen, was dort steht, und so wird der Wortschatz auch in den Kita-Alltag in den Gruppen getragen. Dort haben die Bücher die Woche über einen festen Platz und sind jederzeit zugänglich. So wissen Gruppenerzieherinnen auch ohne gezielten Austausch mit Bianca, welche Wörter und Begriffe sie im Alltag wiederholen können, damit die Kinder sie auch in anderen Zusammenhängen wiederhören und -erkennen.

Ich-Buecher werden in der Tasche getragen„Ich-Bücher“ mit Zeichnungen, Fotos und Sätzen werden zu „Taschen-Büchern“, die man überall hin mitnehmen kann. Fotos: Bianca Kaminski

Gestalterisch und sprachlich hat sich Bianca mit den Kindern von den eigenen Körpern und ihren Gruppen immer weiter nach außen bewegt. Die Kita wurde erkundet und dann das Außengelände und auch ein kleiner Ausflug mit den „Taschen-Büchern“ in die Buchhandlung des Stadtteils unternommen, wo die Bücher interessiert bestaunt wurden.

Biancas Begeisterung steckt an: „Ich sorge immer dafür, dass die Kinder mit allen Sinnen erleben können“, erzählt sie, „und dass wir aufgreifen, was für die Kinder interessant ist. Als wir auf Rundgängen die Kita erkundet haben, interessierte die Kinder die Küche. Also haben wir uns damit beschäftigt, wo das Essen gekocht wird und was es zu essen gibt. Und wir haben versucht herauszufinden, welche Lieblingsgerichte jeder hat. Als es draußen geschneit hatte, sind wir natürlich rausgegangen und haben Schnee hereingeholt und erkundet, wie er schmilzt. Im Sommer sind die Blumen dran, Blumen riechen und welken, sie haben Blätter, Stiele und Blütenblätter. So viel gibt es zu entdecken und zu benennen und für unsere Bücher festzuhalten.“

Die neugierige Schnecke Plim

Ein wichtiger Partner an den Montagen ist Plim. Plim ist eine Schnecke und sehr neugierig. Bianca sieht das so: „Manche Kinder sind sehr zurückhaltend, dann ist es Plim, die sie mal freundlich anstupst, und die Kinder öffnen sich. Sie sprechen eher mit der Schnecke als mit mir ...“ Genaugenommen ist es Plim, die die Kinder abholt und bittet, ihre Taschen-Bücher zu holen und mitzukommen. Plim will immer genau wissen, was die Kinder machen und warum. Und wenn die Kinder das noch nicht selbst sagen können, dann wendet Plim sich an Bianca. Die erklärt es dann ganz langsam und gibt den Kindern das Sprachvorbild, das sie brauchen.

Bianca hat immer neue kreative Einfälle, mit denen sie den Erfahrungs- und Wortschatz der Kinder erweitert. Sie hat mit den Kindern rote, grüne und blaue Seiten gestaltet, indem sie gemeinsam rote, grüne und blaue Sachen in der Kita gesucht und fotografiert haben. Außerdem sorgt sie für viel Wiederholung. Regelmäßig blättert sie mit den Kindern die Taschen-Bücher durch und erkundigt sich nach den Lieblingsseiten. Und an jedem Buch hängt seit einiger Zeit ein selbst gefilzter Bücherwurm, der neugierig die Seiten betrachten, lustig umherzappeln oder in das Buch eines anderen Kindes kriechen kann.

Für die Kinder und ihren Spracherwerb ist dabei von besonderer Bedeutung, dass die Gruppen so klein sind und sie Bianca in aller Ruhe als zugewandte und einfallsreiche Gesprächspartnerin kennenlernen konnten. Bianca greift die Sprachmöglichkeiten der Kinder auf und erweitert diese. Dadurch und durch die vielen schönen Seiten, um die die Taschen-Bücher schon gewachsen sind, haben die Kinder Erfolgserlebnisse, die ihr Selbstbewusstsein stärken und die sie anderen mitteilen möchten. Und was macht mehr Spaß als etwas lustvoll zu gestalten und dann anderen darüber zu erzählen?

 

Die Kita Sanitasstraße ist eine Kita der Elbkinder Vereinigung Hamburger Kitas gGmbH, eines großen Hamburger Kita-Trägers, und liegt im Stadtteil Wilhelmsburg. 160 Kinder zwischen null und sechs Jahren werden dort in acht Gruppen betreut. Die Kita nimmt seit 2008 an verschiedenen Sprach-Projekten teil: FörMig, Schwerpunkt-Kita Sprache & Integration, „Wilhelmsburg mit BiSS“ und ist jetzt auch eine „Sprach-Kita“. 2013 war sie Konsultationskita für das Konzept „Die Sprache der Jüngsten entdecken und begleiten“ des Deutschen Jugendinstituts.

 

Anmerkungen

1 „Wilhelmsburg mit BiSS“ ist der Hamburger Verbund im Rahmen des Bund-Länder-Projektes „Bildung durch Sprache und Schrift“. Mehr Infos unter www.biss-sprachbildung.de

2 „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ ist ein Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Mehr Infos unter www.sprach-kitas.de

Quelle:

Kühn, S. (2017). Die Buchmacher. Ein kreatives Projekt zur Sprachförderung in einer Hamburger Kita. TPS (Theorie und Praxis der Sozialpädagogik) 3, 52-53.