Dialogisches Lesen in der Praxis: „Schmuddelig“ ist ein tolles Wort

Ein Bericht über den BiSS-Verbund Alltagsintegrierte Sprachbildung in Berliner AWO-Kitas

Vorlesezeit in der AWO-Kita in Berlin-Kreuzberg
Vorlesezeit in der AWO-Kita in Berlin-Kreuzberg
Bildrechte: Karin Vogelsberg
Vorlesezeit in einer Berliner Kita: Erzieherin Romy Tadesse liest Leyla, Mia, Leo und Yuri* das Buch von der Schildkröte, die Geburtstag hat, vor. Die Schildkröte bekommt von ihren tierischen Freunden so allerlei geschenkt, unter anderem einen Fisch. „Ich habe auch einen gefangen, einen Fisch gehabt!“, ruft der dreijährige Leo voller Stolz in die Runde. Die Erzieherin betrachtet den Einwurf keineswegs als Störung, ganz im Gegenteil: Mit der Bilderbuchgeschichte will sie genau das erreichen: Die Kinder sollen erzählen und ins Gespräch kommen. Das gelingt ihr durch das Dialogische Lesen. Immer wieder unterbricht sie die Geschichte, um den Kindern Fragen zu stellen und sich nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen zu erkundigen. Warum wohl zieht sich die Schildkröte abends in ihren Panzer zurück? Und was mag in dem großen Paket sein, das die Maus mitbringt? Und was heißt eigentlich Schildkröte auf Türkisch? Sobald sich ein Thema ergibt, zu dem die Drei- bis Fünfjährigen etwas erzählen möchten, hört die Erzieherin aufmerksam zu. Immer wieder ermuntert sie gerade die jüngeren und stilleren Kinder zu einem Beitrag. Und bei passender Gelegenheit singen alle ein Lied. Für die Schildkröte natürlich ein Geburtstagslied.

Miteinander reden — einander zuhören

130 Kinder aus verschiedenen Ländern besuchen die Kita der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Kreuzberg. Seit 2011 hat sich die Kindertagesstätte besonders der Sprachförderung verschrieben und nimmt an Programmen des Bundesfamilienministeriums zum Thema teil, wie „Frühe Chancen“ und „Sprach-Kitas“. Die Einrichtung gehört dem BiSS-Verbund Alltagsintegrierte Sprachbildung in Berliner AWO-Kitas an. Romy Tadesse hat eine spezielle Ausbildung zur Sprachberaterin gemacht. Ihre Aufgabe ist es, die Erzieherinnen der Kita zu beraten, wie sie die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder fördern können. Vor allem heißt das: mit den Kindern reden, sie selbst reden lassen und ihnen natürlich zuhören. Eigentlich ganz einfach, findet Romy Tadesse. Und trotzdem muss man im Alltag immer wieder bewusst den Dialog mit den Kindern suchen, weiß die Fachkraft. Denn häufig ist es eben doch so, dass vermeintliche Dialoge tatsächlich eher Monologe der Erwachsenen sind.

Um mit den Kindern wirklich ins Gespräch zu kommen, braucht man Sensibilität und Muße. Zeit, sich auf die Geschichten der Kinder einzulassen. Geduld, wenn die Wörter durcheinanderpurzeln. Die fehlerhaften Sätze werden auch nicht gleich korrigiert. „Man darf dem Kind nicht das Gefühl geben: Das ist schlecht, was ich sage“, weiß Sprachberaterin Tadesse. Im Gegenteil: Es sollte mit Lob und Anerkennung nicht gespart werden. Der Trick, um trotzdem Fehler zu korrigieren: Die Erzieherin wiederholt das Gesagte in der richtigen Form. So hören die Kinder den Satz richtig und fühlen sich durch die Wiederholung gleichzeitig bestätigt. Dieses Gefühl der Wertschätzung ist die Basis für den Erfolg des Dialogischen Lesens: Die Kinder sollen ohne Hemmungen erzählen, weil sie sich gehört, angenommen und ernst genommen fühlen.

Man braucht Geduld

Wie gut sich Kinder beim Dialogischen Lesen auf Gespräche einlassen können, hängt auch von ihren Erfahrungen außerhalb der Kita ab. „Man merkt, ob Eltern zu Hause viel mit ihren Kindern sprechen und ihnen vorlesen“, so die Erfahrung von Romy Tadesse. Wo das gar nicht der Fall ist, können Kinder mit Büchern und der ganzen dialogischen Lesesituation erst einmal nichts anfangen, hat die 37-jährige Erzieherin beobachtet. Erst mit der Zeit erwacht das Interesse der Kinder.

Die Erzieherin mit äthiopischen Wurzeln kann sich noch gut daran erinnern, wie sehr sie selbst als Kind das Vorlesen geliebt hat. Seither ist Sprache „ihr Ding“. Sie wünscht sich, dass alle Kinder positive Erfahrungen mit Büchern machen und einfach Freude an Sprache und am Erzählen entwickeln. Auch an Kleinigkeiten merkt man, wie der Funke der Sprachbegeisterung überspringt. Als die Erzieherin den Kindern erklärt, das Nilpferd im Bilderbuch sei nach dem Schlammbad schmuddelig, ist die fünfjährige Leyla ganz angetan von diesem Wort: „Schmuddelig!“, wiederholt sie begeistert.

Sensationelle Fortschritte

Wie viel Dialogisches Lesen aber auch klassisches Vorlesen für die Sprachentwicklung bringt, hat Erzieherin Tadesse bei Kindern im Vorschulalter festgestellt, die anfangs so gut wie kein Deutsch konnten. „Die Fortschritte nach einem Jahr waren sensationell“, berichtet die Fachfrau, „die Voraussetzung ist allerdings, dass man regelmäßig mit den Kindern liest, mindestens einmal pro Woche.“

Man dürfe keine Angst haben, die Kinder zu überfordern, meint die Expertin für Sprachbildung. Man könne zum Beispiel altersgemischte Lesegruppen bilden oder Kinder mit unterschiedlich guten Deutschkenntnissen zusammenbringen, ja sogar anspruchsvolle Themen besprechen, zum Beispiel aus der Naturwissenschaft. Zwar hören die Jüngsten oder die Kinder, die nur wenig Deutsch können, in diesen Runden anfangs nur zu. „Aber auch Kinder, die nicht so sprachstark sind, nehmen sehr viel Neues auf. Man darf sie ruhig ein bisschen herausfordern“, erklärt Romy Tadesse.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist wichtig

Wichtig für die Sprachbildung sind die Häufigkeit und die Regelmäßigkeit der Dialog- und Vorleserunden. Deshalb arbeitet die Kreuzberger Kita mit Lesepaten zusammen und oft besuchen Kita-Gruppen die öffentlichen Bibliotheken in der Nachbarschaft. Außerdem sind immer einige Bücherrucksäcke gepackt, die die Eltern ausleihen können. Darin sind CDs, Vorlese- und Bilderbücher, häufig in unterschiedlichen Sprachen, sowie Tipps für die Eltern, wie sie die Medien nutzen können, um mit ihren Kindern ins Gespräch zu kommen - ebenfalls in vielen verschiedenen Landessprachen. „Eigentlich könnten wir das Dialogische Lesen hier in der Kita auch mal auf Türkisch machen, oder auf Spanisch“, sinniert Romy Tadesse. Miteinander reden kann man schließlich in jeder Sprache - zur Not unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen. Wie auch immer: Hauptsache Groß und Klein kommen miteinander ins Gespräch.

* Anmerkung der Redaktion: Namen der Kinder geändert

Der Bericht erschien in der BiSS-Broschüre:

Komm, wir erzählen uns eine Geschichte! Dialogisches Lesen in Kindertagesstätten. S. 12-13
Herausgeber: Trägerkonsortium BiSS, 2017
Inhalt: Dr. Cora Titz
Journalistisches Konzept und Umsetzung: Karin Vogelsberg
Download der Broschüre

Weitere Informationen:

BiSS-Verbund „Alltagsintegrierte Sprachbildung in Berliner AWO-Kitas“

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