Urheberrecht II: Unterrichtsmaterialien erstellen, fremdes Material nutzen

Pädagogische Fach- und Lehrkräfte, die im Rahmen der Sprachbildung und Sprachförderung Materialien anpassen oder erstellen wollen, müssen sich an einige Regeln halten. Solange sie die Materialien komplett selbst erstellen – also alle Grafiken, Bilder, Texte, Übungsaufgaben und so weiter selbst entworfen, gezeichnet, aufgenommen und geschrieben sind –, sind sie selbst Urheber und können mit ihren Werken tun, was sie möchten.

Was ist überhaupt urheberrechtlich geschützt und was bedeutet das?
Sobald sie aber Werke anderer übernehmen möchten, müssen sie sich an das Urheberrecht halten. Das gilt normalerweise 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Erst danach wird das Werk gemeinfrei und kann ohne Einschränkungen benutzt werden. Will man hingegen Werke nutzen, deren Urheber noch leben oder erst vor kürzerer Zeit gestorben sind, benötigt man hierfür eine Erlaubnis – und zwar die der Rechteinhaber. Das kann der Urheber selbst sein, die Erben, aber auch ein Verlag oder anderer Verwerter, dem umfangreiche Nutzungsrechte übertragen worden sind und der deshalb über die weitere Nutzung entscheiden kann.

Praktisch bedeutet das:

Kopiert eine pädagogische Fach- oder Lehrkraft einzelne Aufgaben, Grafiken oder Texte aus einer fremden Publikation (aus welcher Quelle ist egal: Buch, fremde Unterrichtsmaterialien wie Schulbücher, Hefte oder Broschüren, Internet) darf sie das grundsätzlich nur, wenn sie eine Erlaubnis der Rechteinhaber dazu hat. Zwar erlaubt schon das Urheberrecht die Nutzung von kleinen Teilen eines Werkes im Unterricht. Diese Erlaubnis umfasst jedoch nicht die Bearbeitung dieser kleinen Teile oder deren Online-Nutzung. Nutzungen außerhalb des Unterrichts sind nur zulässig, wenn:

  • Der Urheber bzw. der Rechteinhaber – also der Autor oder Verlag – erlaubt explizit die Nutzung, etwa über eine Standardlizenz wie Creative Commons oder eine andere Form der an alle gerichteten Erlaubnis.
  • Die Nutzerin oder der Nutzer fragt beim Urheber bzw. dem Rechteinhaber nach, ob sie Teile des Werkes nutzen kann und erhält eine Erlaubnis.
  • Das Urheberrecht an dem Werk ist abgelaufen, weil der Urheber länger als 70 Jahre tot ist.
  • Das Werk ist gemeinfrei. Das kann auch für ganz neue Werke gelten, z.B. für sogenannte amtliche Werke wie Gesetzestexte. Es kann aber auch sein, dass der Rechteinhaber es selbst mittels der Creative Commons Zero Freigabeerklärung freigegeben hat. Durch diese Erklärung werden urheberrechtlich geschützte Materialien so gestellt, als seien sie gemeinfrei.
  • Es handelt sich nicht um ein urheberrechtlich geschütztes Werk. Geschützt sind nur persönliche geistige Schöpfungen, die – als Ausdruck von Kreativität – über das ganz Alltägliche hinausgehen. Ein Einkaufszettel ist beispielsweise nicht urheberrechtlich geschützt. Hingegen unterliegen alle Fotos – auch alltägliche Schnappschüsse – einem urheberrechtlichen Schutz. Nicht geschützt sind allerdings reine Anweisungen, genauso wenig wie mathematische Formeln und sonstige Ableitungen.

Bearbeitungen und freie Benutzung
In allen anderen Fällen dürfen pädagogische Fach- und Lehrkräfte fremde Inhalte nicht für den Gebrauch in ihrer Einrichtung übernehmen. Die Ausnahmeregeln für Bildung und Wissenschaft gelten nur für die Wiedergabe urheberrechtlich geschützten Materials, nicht aber für die Bearbeitung. Von Bearbeitung im rechtlichen Sinn spricht man, wenn das Werk als solches verändert wurde. Wichtig ist, dass sich die Veränderung auf das Werk als solches bezieht. Ist das Werk beispielsweise ein Gedicht, so wäre es keine Bearbeitung, das Gedicht in einer anderen Schriftart abzudrucken. Denn dadurch wird das Gedicht als solches nicht verändert.

Hingegen ist es eine Bearbeitung, wenn eine pädagogische Fach- und Lehrkraft einen Text aus einem Buch übernimmt und ihn umschreibt, damit er für die Kinder und Jugendlichen verständlicher wird. Bearbeitungen von Werken an sich sind nicht verboten – solange man das nur für sich macht. Verboten ist jedoch, sie ohne Erlaubnis des Rechteinhabers zu nutzen und zu veröffentlichen.

Das gilt allerdings nur für Werke, die noch urheberrechtlich geschützt sind. Ist das Urheberrecht abgelaufen, weil der Urheber zum Beispiel schon länger als 70 Jahre tot ist, darf man das Werk nach Belieben bearbeiten, also zum Beispiel Bilder für Collagen verwenden, Texte umschreiben und Musikstücke aufnehmen und verändern, und diese Bearbeitung auch veröffentlichen. Klassische Literatur ist damit ein gutes Ausgangsmaterial für Bearbeitungen. Hier ist jedoch zu beachten, das bei besonders bearbeiteten, wissenschaftlichen Editionen diese Bearbeitung erneut 25 Jahre geschützt ist.

Verändert man die ursprünglichen Werke so sehr, dass sie nicht mehr erkennbar sind und zu einem eigenen Werk werden, so handelt es sich urheberrechtlich um eine „Freie Benutzung“. Im Gegensatz zur Bearbeitung muss man bei einer freien Benutzung nicht den ursprünglichen Urheber fragen, wenn man das entstandene Werk veröffentlichen möchte. Unter freie Benutzung fallen auch Parodien und Satire. Hier muss das ursprüngliche Werk ja erkennbar sein, sonst ist es keine Parodie. Der Benutzer setzt sich damit aber satirisch – kontrafaktisch – auseinander. Wo die Bearbeitung aufhört und die freie Benutzung anfängt, kann man allerdings nicht pauschal sagen. Im Regelfall sollte man als Laie eher vorsichtig sein. Als Faustformel gilt: Was steht im Vordergrund? Das neue Werk – bei dem das alte Werk allenfalls durchscheint (freie Benutzung) oder das alte Werk, welches verändert wurde (Bearbeitung).

Ideen und Nacherzählungen
Das Urheberrecht schützt keine Ideen, sondern nur persönlich-geistige Schöpfungen in ihrer Verkörperung. Das heißt, wenn ich eine Idee aus einem Werk nehme – zum Beispiel „Ein Mann und eine Frau lieben sich, aber die Umwelt ist dagegen“ (diese Idee liegt nicht nur Romeo und Julia, sondern recht vielen Romanen und Theaterstücken zugrunde), dann kann ich daraus meine eigene Geschichte spinnen – sie darf natürlich nicht eine bestehende eins zu eins nacherzählen.

Das gilt erst recht für gemeinfreie Werke, deren Autoren länger als 70 Jahre tot sind. Will ein Lehrer oder eine Lehrerin ein Märchen oder eine Sage umschreiben, so kommt es darauf an, ob es sich um ein Volksmärchen oder ein sogenanntes Kunstmärchen handelt. Bei Volksmärchen sollte in der Regel das Urheberrecht abgelaufen sein. (Da aber Jacob Grimm 1863 gestorben ist und Wilhelm Grimm 1859 gestorben ist, ist jedes Urheberrecht bereits abgelaufen.) Bei Kunstmärchen, die von einem Autor geschrieben worden sind und sich nicht auf Volksüberlieferungen stützen, verhält es sich wie bei jedem anderen Text – sie sind 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt.

Bearbeitet man nun ein Märchen aus dem Grimm’schen Fundus, kann es durchaus sein, dass man eigene Urheberrechte erwirbt, wenn die Änderungen und Art und Weise des Erzählens ausreichend originell und schöpferisch sind. Dabei reicht es aber nicht aus, einfach nur das Märchen nachzuerzählen und verständlicher zu machen, sondern es muss ausreichende Schöpfungshöhe besitzen – wie die Juristen sagen – und damit zum eigenen Werk werden.

Richtig zitieren
Verwendet man Teile eines Werkes in einem eigenen Werk, kann unter Umständen das Zitatrecht gelten. Die Zitatschranke ist eine wichtige Einschränkung des Urheberrechts, denn sie erlaubt es, sich mit den Werken anderer auseinanderzusetzen und darauf aufbauend neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Dabei gibt es aber einige Regeln zu beachten. Es reicht für ein Zitat nämlich nicht, einfach nur die Quelle anzugeben. Ein Zitat hat zwei wichtige Voraussetzungen: Zunächst einmal ist es nur erlaubt, in einem eigenen Werk zu zitieren. Das heißt konkret bei Unterrichtsmaterialien, dass bei der Erstellung der Unterrichtsmaterialien überhaupt eine Gestaltungshöhe erreicht werden muss, die es begründet, von einer eigenen geistigen Schöpfung auszugehen. Die zweite Voraussetzung ist, dass jedes Zitat einen Zitatzweck erfüllen muss. Das bedeutet, dass das Zitat ein erforderlicher Beleg für das sein muss, was man selbst in seinem Werk aussagt. Ist das Zitat als Beleg entbehrlich, ohne das die eigene Aussage weniger verständlich wäre, handelt es sich nicht um ein Zitat, sondern um eine bloße Illustration. Diese wäre vom Zitatrecht nicht gedeckt. Es reicht also nicht, einfach nur Teile zu übernehmen – die Zulässigkeit des Zitats ergibt sich nur aus seiner Belegfunktion für die eigene Aussage. Wie lang ein Zitat sein darf, ist nicht festgelegt. Es muss verhältnismäßig sein und es kommt darauf an, was benötigt wird, um die eigene Aussage zu belegen.

Es gibt dabei aber keine Höchstlänge. Im Einzelfall kann sogar erlaubt sein, ein vollständiges Werk zu zitieren und nicht nur einen kleinen Teil. Bei einer Gedichtanalyse zum Beispiel ist es unter Umständen wichtig, das ganze Gedicht zu zitieren, vor allem wenn es nicht sehr lang ist.

Des Weiteren muss ein Zitat als solches gekennzeichnet sein, es darf nicht verändert werden und der Autor und die Quelle müssen angegeben sein.

Im Prinzip können alle Werke zitiert werden – nicht nur Text. Auch Bilder können unter die Zitatschranke fallen – aber auch hier gilt: Die eigene Auseinandersetzung muss im Vordergrund stehen. So kann ein Kunstlehrer im Rahmen eines Textes ein Bildzitat verwenden, wenn er über genau dieses Bild etwas schreibt. Dagegen ist es kein Bildzitat, wenn in einem Künstlerporträt Beispielbilder aus dem Werk gezeigt werden. Dasselbe gilt für Filmausschnitte – es gibt keine Sonderregel, die besagt, dass Filmausschnitte, die eine gewisse Länge nicht überschreiten, verwendet werden dürfen.

OER – Open Educational Resources
Aus den bisherigen Ausführungen wurde vielleicht deutlich: Selbst Unterrichtsmaterialien zusammenstellen, ist rechtlich sehr kompliziert, wenn man nicht nur eigenes Material benutzt. Bei fremden Inhalten sind der Nutzung sehr enge Grenzen gesteckt, wenn man keine explizite Erlaubnis hat.

Damit bleiben die pädagogischen Möglichkeiten, die sich aus der Digitalisierung und der damit verbundenen leichten Bearbeitung ergeben, ungenutzt. In den letzten Jahren gibt es deshalb weltweit – und durch die UNESCO unterstützt – die Bestrebung, für die Bildung offene Bildungsmaterialien bereitzustellen. Damit sind solche Materialien gemeint, die im Bildungskontext bearbeitet und frei benutzt werden können, ohne dass dafür im Einzelfall eine Genehmigung eingeholt werden muss. Sie werden auf Englisch „Open Educational Resources“ (OER) genannt. Dabei geht es darum, dass ein Pool an Informationen, Materialien, Inhalten entsteht, den Lernende und Lehrende frei nutzen können. Aus einer internationalen Perspektive steht im Vordergrund, dass der Zugang zu Wissen weltweit ungleich verteilt ist. Das freie Teilen und Schaffen von Wissen soll dazu führen, dass auch ökonomisch benachteiligte Länder (aber auch Schichten) aktuelle und nach neusten Erkenntnissen produzierte Inhalte zum Lernen nutzen können.

Als OER gelten alle Inhalte, die entweder urheberrechtlich gemeinfrei sind oder unter freien Lizenzen stehen. Solche Lizenzen erlauben es, Inhalte unter bestimmten Bedingungen zu verwenden, ohne den Urheber vorher zu fragen. Die Erlaubnis zur Nutzung ist dabei – je nach Lizenz – recht weitgehend. Bei den bekannteren freien Lizenzen wie Creative Commons oder der GNU Free Documentation License dürfen die Inhalte zum Beispiel frei kopiert, bearbeitet und weiterverbreitet werden. Die einzige Bedingung ist oft die Nennung des Urhebers und der Lizenz. Als „frei“ und damit mit OER vereinbar gelten nur Lizenzen, die auch die kommerzielle Nutzung und die Veränderung von Werken erlauben.

Einen guten Überblick über die verschiedenen Angebote und Aktivitäten zu freien Bildungsmaterialien bietet das Informationsportal OERInfo: https://open-educational-resources.de

Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Creative-Commons-Lizenzen. Die Rechteinhaber können bestimmte Bedingungen festlegen, zum Beispiel, dass die Werke nicht verändert oder für kommerzielle Zwecke genutzt werden dürfen. Man muss die Lizenzen also genau lesen, wenn man die dazugehörigen Inhalte nutzen will. Das ist jedoch einfacher als bei den meisten anderen Lizenzen, weil sie extra so geschrieben sind, dass auch juristische Laien sie verstehen können.

Autorin und Autor:
Valie Djordjevic
Dr. Paul Klimpel (iRights.Law Rechtsanwälte)

Weitere Informationen:

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