Dr. Sonja Sieger vom Mercator-Institut der Universität zu Köln gibt im Interview Einblicke in die Ergebnisse der Begleitforschung "Multi-BiSS". Bild: A. Etges/Trägerkonsortium BiSS-Transfer

Welche spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten zeigen sich bei den BiSS-Multiplikatorinnen und Multiplikatoren? Wie ähneln sie sich in ihrem Erfahrungsschatz in der Sprach- und Erwachsenenbildung? Und welche Auswirkungen hat dies auf die Tätigkeit in BiSS-Transfer? Darüber spricht Erziehungswissenschaftlerin Sonja Sieger im Interview.

Frau Sieger, im Rahmen des Forschungsnetzwerks von BiSS-Transfer haben Sie im Projektteam „Multi-BiSS“ gearbeitet. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in diesem Forschungsbereich ging?

Sonja Sieger Das Forschungsnetzwerk BiSS-Transfer umfasste insgesamt sechs Vorhaben. Vier Vorhaben beschäftigten sich mit der Umsetzung konkreter Konzepte und Ansätze der sprachlichen Bildung, zur Lese- und Schreibförderung in der Primarstufe, sowie zur datengestützten Unterrichtsentwicklung mit den VERA-Ergebnissen und zur sprachlichen Bildung im Fachunterricht in der Sekundarstufe. Zwei Vorhaben arbeiteten übergreifend. Eines, mit dem Ziel der Erfassung der Wirkung auf Ebene der Schülerinnen und Schüler. Und eines, in dem ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen Cedric Lawida, Antonia Schmidt, Dr. Yasemin Uçan, Prof. Dr. Hans-Joachim Roth und Prof. Dr. Henrike Terhart geforscht habe. In diesem Team haben wir über alle vier inhaltlichen Vorhaben hinweg die Ebene der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den Blick genommen. Dabei handelt es sich um die Personen, die für die Lehrkräftefortbildung ausgebildet wurden und die die Umsetzung der Maßnahmen in den Schulen begleitet haben.

Was untersuchte das Forschungsprojekt „Multiplikation im Transfer“?

Im Rahmen des BiSS-Transfer-Forschungsnetzwerks untersuchte das Team „Multiplikation im Transfer“ in den vier Vorhaben (Lese-, Schreib-, Fach– und VERA-BiSS) den Transfer in die Praxis. Dieser Transfer wird über den sogenannten Multiplikationsansatz gestaltet: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler qualifizieren Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die die Fortbildungsinhalte an Lehrkräfte weitergeben und dadurch in großem Maß verbreiten (multiplizieren).

Warum ist es so wichtig, den Transferprozess genauer zu verstehen?

Sonja Sieger Es ist wichtig, zunächst die relevanten Faktoren und Prozesse bei der Implementation von sprachlichen Bildungsmaßnahmen freizulegen, um auf dieser Grundlage dann den Transfer besser gestalten zu können. Es geht – um es plakativ zu formulieren – um die Schaltstellen. Denn es kommt immer wieder vor, dass Ansätze, die in kontrollierten Settings eine Wirkung gezeigt haben, beim Transfer in die breite Praxis plötzlich keine Wirkung mehr zeigen. Die Forschung hat bislang noch nicht genau klären können, welche Gelenkstellen des Transferprozesses dazu beitragen, dass dieser gelingt oder leider auch misslingt. Deshalb haben wir bei unseren Analysen versucht, einen möglichst genauen Blick auf den komplexen Transferprozess zu gewinnen und haben dabei insbesondere die Funktion der Multiplizierenden untersucht. Zunächst interessierte uns, welche Expertise und Erfahrung die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mitbringen und welche biografischen Erfahrungen und beruflichen Werdegänge dazu führen, die Rolle einer oder eines Multiplizierenden zu übernehmen. Dann haben wir uns angeschaut, wie die Multiplizierenden ihre eigene Qualifizierung zur Multiplikatorin bzw. zum Multiplikator wahrgenommen und bewertet haben. Anschließend haben wir uns auf der nächsten Ebene die Bewertungen der Lehrkräfte angesehen, die die angebotenen Fortbildungen der Multiplizierenden bewertet haben, um zu sehen, ob es Zusammenhänge gibt. Und ganz zum Schluss haben wir nochmal beide Gruppen zusammengebracht und versucht durch Interviews herauszufinden, welche Gelingensbedingungen und Hürden die Multiplizierenden und die Lehrkräfte im Transferprozess wahrgenommen haben und wie dieser Prozess aus ihrer Sicht beschrieben werden kann.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei Ihren Untersuchungen gekommen? Können Sie konkrete Erkenntnisse nennen?

Sonja Sieger Im Rahmen unserer Untersuchungen konnten wir anhand der Berufsbiografien drei Motivlagen identifizieren, die das Handeln von Multiplizierenden prägen. Hieraus konnten wir drei Typen ableiten. Den ersten Typus haben wir „die Transformatorischen“ genannt. Der transformatorische Typus verfolgt das Ziel, durch seine Tätigkeit die schulische Praxis aus einem pädagogisch-sozialen Anspruch heraus zu verändern. Der zweite Typus umfasst die Gruppe „der Leidenschaftlichen“. Dieser Typus zeigt sich über seine gesamte Biografie hinweg stark interessiert oder eben leidenschaftlich in der Auseinandersetzung mit sprachlichen oder sprachbildenden Themen. Als letzten und dritten Typus konnten wir „die Pragmatischen“ identifizieren. Bei diesem Typus zeigte sich die Gemeinsamkeit, dass die Tätigkeit als Multiplikatorin oder Multiplikator als passende Möglichkeit empfunden wurde, den Balanceakt zwischen beruflichen Anforderungen und privaten Umständen und Interessen zu bewältigen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Berücksichtigung der Biografie der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ertragreich ist, um die unterschiedlichen Beweggründe für die Tätigkeit in der sprachlichen Bildung bereits in der Qualifizierung der Multiplizierenden zu berücksichtigen.  Denn wir konnten feststellen, dass diese im Zusammenhang mit wichtigen Erfolgskriterien für den weiteren Transferprozess stehen.

Hier wird das Studien-Design von Multi-BiSS grafisch dargestellt.
Das sind sehr spannende Ergebnisse – können Sie die Eigenschaften des transformatorischen Typus noch etwas genauer beschreiben?

Sonja Sieger Die Interviewten des Typus 1 zeigten sich kritisch gegenüber der aktuellen pädagogischen Praxis. Das gilt auch im Hinblick auf einen Mangel an wissenschaftlich fundierten Sprachbildungsprogrammen. Ein Teil der Interviewten kritisierte außerdem soziale Ungleichheitsverhältnisse in der Migrationsgesellschaft und strebt dementsprechend den Abbau von Bildungsbenachteiligung mithilfe von Maßnahmen sprachlicher Bildung an.

Und was sind die Merkmale von Typ 2? Können Sie auch hier ein paar Eigenschaften vom Typus „Die Leidenschaftlichen“ nennen?

Sonja Sieger Diese Interviewten äußerten beispielsweise ein großes Interesse an Sprache im Allgemeinen, am Erlernen von Sprache oder auch am Vorlesen. Die Befragten gestalten ihren eigenen Berufsweg engagiert entlang dieser Vorlieben. Dabei setzen sich aber auch sie kritisch mit fehlender Sprachbildung in der Schulpraxis auseinander. Eine Reihe von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dieses Typus streben ausdrücklich eine tiefgehende berufliche Professionalisierung im Bereich der Sprachbildung als Ausdruck ihres durchgängigen Interesses und Engagements an.

Als dritten Typus konnten Sie „Die Pragmatischen“ identifizieren. Können Sie diesen Typus abschließend auch noch kurz genauer vorstellen?

Sonja Sieger Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dieses Typus begründen ihre Tätigkeit in der sprachlichen Bildung unter anderem damit, dass sich dadurch verschiedene Ansprüche wie zum Beispiel Familie und Beruf gut vereinbaren lassen. Andere Befragte verfolgen das Interesse, sich mit wissenschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Äußere Umstände prägen weitgehend den beruflichen Werdegang, im Weiteren zeigt sich in den Interviews, dass dann im Laufe des häufig durch zufällige Ereignisse geprägten Berufslebens auch ein vertieftes Interesse an sprachlicher Bildung entstehen kann. Hier lassen sich zwei Untervarianten des Typus erkennen. Die beruflichen Tätigkeiten – zum Beispiel der Lehrberuf oder weitere Aufgaben im Bildungssystem wie Beratung sowie Aus- und Fortbildung – werden daraufhin betrachtet, wie gut sie mit Sorgetätigkeiten vereinbar sind. Auch private Schicksalsschläge oder andere biografische Veränderungen werden dabei berücksichtigt. Zum anderen werden im Rahmen der Berufsbiografie persönliche Interessen in den Vordergrund gerückt, die sich mit vergangenen und aktuellen Tätigkeiten vereinbaren lassen, dies bezieht sich zum Beispiel auf Hobbys oder auch Wohnortpräferenzen.

Und inwiefern stehen diese Typen im Zusammenhang mit den Erfolgskriterien für den Transferprozess?

Sonja Sieger Wir konnten feststellen, dass Multiplizierende des ersten Typus im Vergleich zu den anderen beiden die Konzepte und Ansätze zur sprachlichen Bildung für machbarer hielten. Sie hatten also mehr das Gefühl, dass man diese gewinnbringend in der Schulpraxis umsetzen kann. Sie waren außerdem zufriedener mit ihrer eigenen Qualifizierung durch die BiSS-Transfer-Forschungsteams. Aber nicht nur die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren selbst waren positiver eingestellt, sondern auch die Lehrkräfte, die durch diesen Typus fortgebildet wurden. Denn Lehrkräfte, die von einer multiplizierenden Person des transformatorischen Typus fortgebildet wurden, zeigten eine größere Akzeptanz für die Konzepte und Ansätze, hielten diese für machbarer und gaben eine höhere Zufriedenheit mit der Fortbildung an, als andere Lehrkräfte. Sie bewerteten außerdem die Kompetenzen der Multiplizierenden und ihre Fortbildungsgestaltung positiver, was teilweise den Zusammenhang zwischen dem Typus und den Erfolgsfaktoren auf Lehrkräfteebene vermittelte.

„Das Einbeziehen der Sprachbildungskonzepte in das eigene professionelle Selbstverständnis stellt eine Schlüsselfunktion beim Transferprozess dar. “

Sonja Sieger
Konnten Sie darüber hinaus noch weitere wichtige Erkenntnisse über den Transferprozess gewinnen?

Sonja Sieger Ja, in Follow-Up-Interviews, die wir mit Multiplizierenden und auch mit Lehrkräftegruppen geführt haben, konnten wir rekonstruieren, dass ein zentraler Punkt für das Gelingen von Transferprozessen die persönliche Aneignung der Konzepte und Ansätze durch Multiplizierende und Lehrkräfte ist. Der Begriff Aneignung meint hierbei eine Verinnerlichung bzw. ein Einbeziehen der Sprachbildungskonzepte in das eigene professionelle Selbstverständnis. Dadurch entsteht das Gefühl, dass eine Maßnahme „zu mir gehört“. Dafür sind Kooperationsprozesse zwischen Multiplizierenden und Lehrkräften von Bedeutung, in denen Lehrkräfte die Konzepte kennenlernen, diskutieren oder anpassen können, um sie in die unterrichtliche Handlungspraxis zu integrieren. Die Rolle der Multiplizierenden ist dabei entweder eine begleitende – wenn die Konzepte und Ansätze schon als recht passend wahrgenommen werden – oder eine vermittelnde, wenn es notwendig ist, dass sie mit ihrer Expertise die Lehrkräfte bei der Anpassung der Ansätze und Konzepte an die Anforderungen in der Schulpraxis unterstützen.

Kurz zusammengefasst: Was bedeuten die Ergebnisse für die Bildungsforschung und welche Empfehlungen für die Konzeption und Umsetzung von Lehrkräftefortbildungen würden Sie geben?

Sonja Sieger Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass sich die berufsbiografischen Beweggründe zur Übernahme der Tätigkeit als Multiplikatorin oder Multiplikator als relevant für den Transferprozess erweisen. Deshalb sollte in der Ausbildung von Multiplizierenden Raum gegeben werden, um diese und die Bedeutung für den Transferprozess zu reflektieren. Das Streben, die Schulpraxis verändern zu wollen, erscheint dabei als gewinnbringendes Merkmal für den Transferprozess. Der Aufbau einer entsprechenden Haltung ist deshalb in der Ausbildung von Multiplizierenden zu unterstützen. Dafür ist es beispielsweise wichtig, die Bedeutung und das Gelingen von systematischer Unterrichtsentwicklung und entsprechenden Transformationsprozessen im Kontext der vermittelten Inhalte und Methoden zu thematisieren und die Umsetzbarkeit der Konzepte und Ansätze unter verschiedenen Bedingungen zu diskutieren.

Weiterhin sollte die stark ausgeprägte Motivation der Beteiligten, den Unterricht und die sprachlichen Bildungsprozesse wie auch schulische Rahmenbedingungen dafür zu verbessern und das Bedürfnis nach partnerschaftlicher Kooperation in einem ko-konstruktiven Setting Berücksichtigung finden. Die Rahmenbedingungen im Transferprozess sollten dabei so gestaltet sein, dass auch genügend Raum zur vertieften Auseinandersetzung mit den Inhalten zur Verfügung steht.

Zudem sollten frühzeitig Möglichkeiten zur Adaption der Sprachbildungsmaßnahmen in der individuellen Unterrichtspraxis angesprochen und direkt in die Fortbildungen einbezogen werden. Dadurch kann eine Aneignung durch Lehrkräfte gewährleistet werden, ohne die Wirksamkeit der Konzepte und Ansätze zu gefährden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Sieger.
Das Foto zeigt unsere Mitarbeiterin Andrea Becker.
Das Interview führte
Andrea Becker
Projektkoordinatorin und Verantwortliche für die Projektkommunikation der Leitstelle BiSS-Transfer am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
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