Texte schreiben zu können, ist eine wichtige Schlüsselkompetenz, die Kinder in der Schule erlernen sollen. Schreibstrategien können das Schreiben dabei sinnvoll unterstützen. Wie gelingt es Lehrkräften, ein systematisches Schreibstrategietraining in ihren Unterricht zu integrieren? Und welche Materialien und Unterstützungsangebote helfen dabei? Antworten darauf geben drei Wissenschaftlerinnen, die für das Kompetenzzentrum Sprachbildung des CHANCEN-Verbunds ein Schreibstrategietraining weiterentwickelt haben.
Das Verfassen von Texten gehört zu den Schlüsselkompetenzen schulischer Bildung. Informationen sinnhaft und verständlich verschriften zu können, wird nicht nur im Sprachenunterricht, sondern auch in vielen weiteren Unterrichtsfächern gefordert. Es ist damit eine zentrale Voraussetzung für einen Erfolg in unserem Bildungssystem.
Gleichzeitig stellt das Schreiben viele Kinder vor Herausforderungen. Häufig liegt dies nicht an der Ideenfindung, sondern daran, dass die dazu benötigten Fertigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt oder gefestigt sind. Denn um Texte verfassen zu können, müssen Kinder zum einen über grundlegende Fertigkeiten verfügen, die ihnen ermöglichen, flüssig zu schreiben. Darüber hinaus sollten sie auch in der Lage sein, Texte systematisch aufzubauen. Verfügen Schülerinnen und Schüler über ein Repertoire an Schreibstrategien, die sie gezielt anwenden können, hilft ihnen das dabei, die Qualität ihrer Texte zu steigern.
Was sind hierarchiehohe und hierarchieniedrige Schreibfertigkeiten?
Die hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten beinhalten das zügige und automatisierte Verschriften (Transkriptionsflüssigkeit) sowie den schnellen Zugriff auf geläufige Formulierungsmuster (Formulierungsflüssigkeit). Diese Fertigkeiten werden unter dem Konzept „Schreibflüssigkeit“ zusammengefasst. Auch das orthographisch korrekte Verschriften zählt zu den hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten.
Zu den hierarchiehohen Schreibfertigkeiten gehört die Anwendung von Schreibstrategien. Sie helfen dabei, den komplexen Schreibprozess zu strukturieren, zu steuern und zu überwachen sowie textsortenspezifische Muster einzuhalten.
Textqualität verbessern: Welche Förderansätze gibt es?
„In internationalen, metaanalytischen Studien – zum Beispiel von Graham & Harris – konnten sich verschiedene Schreibförderansätze als wirksam zur Verbesserung von Textqualität erweisen“, sagt Michaela Mörs. „Dazu zählt unter anderem das Setzen konkreter Schreibproduktziele, das kooperative Schreiben und der Austausch von Feedback zu Texten.“ Als wirksamste Maßnahme gelte jedoch die explizite Vermittlung von Schreib- und Selbstregulationsstrategien, insbesondere für lernschwächere Schülerinnen und Schüler. Besonders effektiv in der Praxis ist laut der Wissenschaftlerin eine Kombination aus mehreren Förderansätzen, da somit mehrere Förderzugänge abgedeckt werden.
Fortbildung für Lehrkräfte als Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung
Diese Vermittlungspraxis ist für viele Lehrerinnen und Lehrer noch ungewohnt. „Daher ist es sinnvoll“, so Franziska Kipsch, „im Rahmen von Fortbildungen nicht nur die theoretischen Hintergründe kennenzulernen, sondern auch die Vermittlung von Schreibstrategien nach dem SRSD-Ansatz zu erproben und damit auch das Modellieren zu üben.“ Im Rahmen von Schreib-BiSS ist darum ein umfangreicher Blended-Learning-Kurs entwickelt worden. Er beinhaltet neben einer Einführung zum Schreiben und einem Baustein zu den hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten einen weiteren Baustein, in dem es um die hierarchiehohen Schreibfertigkeiten und deren Vermittlung geht. Der Kurs wird nun auch in Qualifizierungsmaßnahmen im Rahmen des Startchancen-Programms eingesetzt.
Konkretes Trainingsmaterial zur Vermittlung von Schreibstrategien
Neben dem Fortbildungsangebot steht auch praxiserprobtes Trainingsmaterial für Schulen zur Verfügung. In der Reihe „Texte meistern“ finden Lehrkräfte unter anderem ein Schreibstrategietraining für die Grundschule. Dieses Schreibstrategietraining basiert auf vorausgegangenen Versionen aus den Projekten „Schreib-BiSS“ und „SchuMaS“ und verbindet verschiedene als wirksam geltende Schreibfördermaßnahmen miteinander. Die drei Wissenschaftlerinnen haben diese Versionen insbesondere mithilfe der Ergebnisse aus Befragungen und Interviews im Projekt Schreib-BiSS nochmals gründlich überarbeitet. „Die Rückmeldungen der Lehrerinnen und Lehrer waren sehr wertvoll für uns“, so Michaela Mörs, „wir haben das Feedback in die Überarbeitung einfließen lassen.“
Die Trainingsreihe „Texte meistern“
Die Unterrichtsmaterialien „Texte meistern“ wurden vom Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung der Universität zu Köln im Rahmen verschiedener Projekte entwickelt und erfolgreich evaluiert. Sie richten sich an Schülerinnen und Schüler der Klassen 2 bis 7. Begleitende Handreichungen unterstützen Lehrkräfte bei der gezielten Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen. Die Hefte „Texte meistern“ können für ein regelmäßiges Training im Unterricht eingesetzt werden. Im Rahmen des Startchancen-Programms kommen die Hefte bereits zum Einsatz.
Im Bereich Schreiben steht neben dem Schreibstrategietraining auch ein Schreibflüssigkeitstraining auf zwei verschiedenen Differenzierungsstufen zur Verfügung. Es wurde im Rahmen des Projektes „FluLeS“ entwickelt, für das Projekt „Die Schreibstarken“ für die Grundschule adaptiert und im Anschluss nochmals überarbeitet. Wenn Schülerinnen und Schüler noch keine ausreichende Schreibflüssigkeit aufweisen, bietet es sich an, dieses Training vor der Durchführung des Schreibstrategietrainings zu durchlaufen.
In dem nun veröffentlichten Schreibstrategietraining steht – wie in dem vorangegangenen Material – die Vermittlung der Strategie „PIRSCH+“ im Mittelpunkt. Diese umfasst, den zu schreibenden Text zu Planen, Ideen zu sammeln, eine Reihenfolge festzulegen, dann zu SCHreiben und am Ende – als großes Plus (+) für den Text – diesen noch einmal zu überprüfen und zu überarbeiten. Mit dieser Strategie können Kinder und Jugendliche textsortenübergreifend arbeiten. Im Material wenden sie PIRSCH+ aber konkret für das Schreiben von Geschichten an. „Ergänzend werden im Training weiterhin die Strategien „AHA“ bzw. „Der rote Faden“ und die „W-Fragen“ vermittelt. AHA hilft bei der Strukturierung von Texten; die W-Fragen unterstützen ein strukturiertes Sammeln von Ideen bei der Planung von Geschichten“, erklärt Michaela Mörs.
Wie die Förderhefte „Texte meistern“ aufgebaut sind
Das überarbeitete Material besteht aus insgesamt 15 Einheiten, die in Anlehnung an den SRSD-Ansatz auf drei Blöcke aufgeteilt sind: Zunächst modelliert die Lehrkraft die Anwendung der Strategien im ersten Block. Anschließend erfolgt im zweiten Block das unterstützte Üben in Tandemarbeit, bevor die Strategien schließlich im dritten Block eigenständig angewendet werden. „Jede Einheit folgt außerdem einer klaren Struktur“, betont Ina Kaplan. „Zunächst findet ein Aufwärmtraining statt, bei dem Vorwissen aktiviert wird. Dann wird die Anwendung der Strategien modelliert bzw. trainiert. Und abschließend beinhaltet das Auslaufen eine spielerische Sicherung des Gelernten oder – nach längeren Schreibphasen – Lockerungsübungen“, sagt sie.
Ein wichtiger Bestandteil des Schreibstrategietrainings sind auch kooperative Lernformen: Denn Gruppen- oder Tandemarbeit fördert den Austausch und ermöglicht Peer-Feedback im Schreibprozess, durch das die Kinder gegenseitig voneinander und von den jeweiligen Texten anderer lernen können. Sie können gleichzeitig die Wirkung ihrer eigenen Text erfahren und diese an die Perspektive der Lesenden anpassen. So findet das Schreiben in einem sozial eingebunden Kontext statt. „Zudem gilt kooperatives Schreiben ebenfalls als wirksame Schreibfördermaßnahme, die auch zur Entlastung im Schreibprozess beitragen kann, wenn zu zweit Geschichten geplant, geschrieben und überarbeitet werden“, erklärt Franziska Kipsch. „Hinzu kommen Präsentationsphasen, etwa Vorleserunden. Hierdurch können die Kinder ihre Texte mit einer lesenden oder hörenden Öffentlichkeit teilen und so Selbstwirksamkeit erfahren, die wiederum die Motivation der Kinder stärkt“, so die Wissenschaftlerin von der Universität Hamburg.
Zusätzlich werden weitere Materialien – sogenannte Scaffolds – bereitgestellt, die die Möglichkeit zur Differenzierung nach Schreibniveau und Lernvoraussetzung bieten. Zudem stehen Kopiervorlagen zur Verfügung, die einen Einsatz der Strategie PIRSCH+ auch nach Abschluss des Trainings mit eigenen Schreibimpulsen ermöglichen.



Schreibstrategien mit Trainingsmaterial einfacher vermitteln
Gezielte Schreibstrategietrainings können also ein wirksamer Hebel sein, um die Schreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu fördern. Lehrkräfte können die Anwendung von Schreibstrategien dabei Schritt für Schritt modellieren, begleiten und grundlegend verankern. Sinnvoll ist dabei, die Strategievermittlung mit weiteren schreibförderlichen Maßnahmen zu kombinieren und das Texteschreiben – wie im hier vorgestellten Training – in ein sinnstiftendes und sozial eingebundenes Schreibsetting zu integrieren.
Porträtbild Dr. Ina Kaplan: Mercator-Institut/A. Etges; Porträtbild Franziska Kipsch: privat; Porträtbild Dr. Michaela Mörs: Mercator-Institut/M. Hauschild; Beitragsbilder: Mercator-Institut/H. Witte
Die Gesprächspartnerinnen
Dr. Michaela Mörs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung in Köln. Sie hat am Projekt „Schreib-BiSS“ der Initiative BiSS-Transfer mitgewirkt und ist heute im Arbeitsbereich Blended Learning am Kompetenzzentrum Sprachbildung tätig. Dieses ist Teil des CHANCEN-Verbunds, der Mitwirkende in Ländern und Bund dabei unterstützt, das Startchancen-Programm zu steuern und umzusetzen.
Dr. Ina Kaplan arbeitet ebenfalls als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung. Die Sprachwissenschaftlerin war auch Teil des Teams „Schreib-BiSS“ und ist heute am Kompetenzzentrum Sprachbildung im Arbeitsbereich Schreiben tätig.
Franziska Kipsch arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg im Projekt „Fokus Deutsch NRW“. Zuvor begleitete sie an der Technischen Universität Chemnitz das landesseitige wissenschaftliche Begleitprojekt „SchuMaS Deutsch NRW“, in welchem sie auch in der Zusammenarbeit mit dem SchuMaS-Forschungsverbund an der Weiterentwicklung der Materialien mitarbeitete.