Die drei Wissenschaftlerinnen Dr. Ina Kaplan, Franziska Kipsch und Dr. Michaela Mörs geben Informationen und Einblicke in ein systematisches Schreibstrategietraining, das Lehrkräfte dabei unterstützt, die Schreibkompetenz von Kindern zu stärken. Bild: Mercator-Institut/H. Witte

Texte schreiben zu können, ist eine wichtige Schlüsselkompetenz, die Kinder in der Schule erlernen sollen. Schreibstrategien können das Schreiben dabei sinnvoll unterstützen. Wie gelingt es Lehrkräften, ein systematisches Schreibstrategietraining in ihren Unterricht zu integrieren? Und welche Materialien und Unterstützungsangebote helfen dabei? Antworten darauf geben drei Wissenschaftlerinnen, die für das Kompetenzzentrum Sprachbildung des CHANCEN-Verbunds ein Schreibstrategietraining weiterentwickelt haben.

Das Verfassen von Texten gehört zu den Schlüsselkompetenzen schulischer Bildung. Informationen sinnhaft und verständlich verschriften zu können, wird nicht nur im Sprachenunterricht, sondern auch in vielen weiteren Unterrichtsfächern gefordert. Es ist damit eine zentrale Voraussetzung für einen Erfolg in unserem Bildungssystem.

Gleichzeitig stellt das Schreiben viele Kinder vor Herausforderungen. Häufig liegt dies nicht an der Ideenfindung, sondern daran, dass die dazu benötigten Fertigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt oder gefestigt sind. Denn um Texte verfassen zu können, müssen Kinder zum einen über grundlegende Fertigkeiten verfügen, die ihnen ermöglichen, flüssig zu schreiben. Darüber hinaus sollten sie auch in der Lage sein, Texte systematisch aufzubauen. Verfügen Schülerinnen und Schüler über ein Repertoire an Schreibstrategien, die sie gezielt anwenden können, hilft ihnen das dabei, die Qualität ihrer Texte zu steigern.

Das Foto zeigt Dr. Michaela Mörs, Wissenschaftlerin im Kompetenzzentrum Sprachbildung am Mercator-Institut. Dr. Michaela Mörs
Dr. Michaela Mörs

Fokus des Schreibunterrichts liegt oft auf der Förderung basaler Fertigkeiten

„Unsere Erhebungen im Rahmen des Projektes ‘Schreib-BiSS’ haben gezeigt, dass Lehrkräfte den Fokus im Schreibunterricht auf die Förderung sogenannter hierarchieniedriger Schreibfertigkeiten legen, insbesondere auf Orthographie“, sagt Dr. Michaela Mörs, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Sprachbildung am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung in Köln. Das Kompetenzzentrum Sprachbildung ist Teil des CHANCEN-Verbunds, der Mitwirkende in Ländern und Bund dabei unterstützt, das Startchancen-Programm zu steuern und umzusetzen.

„Auch die Schreibflüssigkeit zählt zu diesen hierarchieniedrigen Fertigkeiten“, erklärt Michaela Mörs. „Sie ist eine grundlegende Voraussetzung für das Schreiben von Texten. Die Förderung von Schreibflüssigkeit reicht aber nicht aus, damit Schülerinnen und Schüler gute Texte schreiben“, sagt sie. Darüber hinaus komme es auf drei weitere wichtige Aspekte an:

  • Schülerinnen und Schüler müssten erstens die Funktionen des Texteschreibens für sich und für andere kennen und als relevant für das eigene Schreiben erfahren. Denn nur so können sie das Schreiben auch als sinnstiftend erleben und sich an der Schreibabsicht und den Adressatinnen und Adressaten orientieren.
  • Zweitens sollten sie Kenntnisse dazu aufbauen, wie Texte verschiedener Textsorten strukturiert sind.
  • Und drittens müssen sie wissen, wie sie an das Texteschreiben herangehen können, also in der Lage sein, den eigenen Schreibprozess bewusst zu steuern und unterstützende Schreibstrategien anzuwenden.

Was sind hierarchiehohe und hierarchieniedrige Schreibfertigkeiten?

Die hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten beinhalten das zügige und automatisierte Verschriften (Transkriptionsflüssigkeit) sowie den schnellen Zugriff auf geläufige Formulierungsmuster (Formulierungsflüssigkeit). Diese Fertigkeiten werden unter dem Konzept „Schreibflüssigkeit“ zusammengefasst. Auch das orthographisch korrekte Verschriften zählt zu den hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten.

Zu den hierarchiehohen Schreibfertigkeiten gehört die Anwendung von Schreibstrategien. Sie helfen dabei, den komplexen Schreibprozess zu strukturieren, zu steuern und zu überwachen sowie textsortenspezifische Muster einzuhalten.

Textqualität verbessern: Welche Förderansätze gibt es?

„In internationalen, metaanalytischen Studien – zum Beispiel von Graham & Harris – konnten sich verschiedene Schreibförderansätze als wirksam zur Verbesserung von Textqualität erweisen“, sagt Michaela Mörs. „Dazu zählt unter anderem das Setzen konkreter Schreibproduktziele, das kooperative Schreiben und der Austausch von Feedback zu Texten.“ Als wirksamste Maßnahme gelte jedoch die explizite Vermittlung von Schreib- und Selbstregulationsstrategien, insbesondere für lernschwächere Schülerinnen und Schüler. Besonders effektiv in der Praxis ist laut der Wissenschaftlerin eine Kombination aus mehreren Förderansätzen, da somit mehrere Förderzugänge abgedeckt werden.

Das Foto zeigt eine Wissenschaftlerin am Kompetenzzentrum für Sprachbildung am Mercator-Institut. Foto: A. Etges Dr. Ina Kaplan
Dr. Ina Kaplan

Was sind Schreibstrategien – und wie werden sie vermittelt?

Schreibstrategien lassen sich als mentale Handlungspläne verstehen. Sie helfen dabei, Ideen zu entwickeln und zu organisieren sowie Texte zielgerichtet zu verfassen. „Diese Strategien lassen sich mit der Zeit automatisieren. Die Schülerinnen und Schüler können insbesondere diejenigen Strategien, die die Gestaltung des Schreibprozesses unterstützen, dann nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern anwenden“, erklärt Dr. Ina Kaplan, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Sprachbildung des CHANCEN-Verbunds.

„Zur Vermittlung von Schreibstrategien hat sich in zahlreichen Studien der Ansatz Self-regulated strategy development – kurz SRSD – nach Harris & Graham aus dem Jahr 1996 besonders bewährt“, so Ina Kaplan. „Übersetzt meint dies eine selbstregulierte Strategie-Entwicklung. Zentral bei diesem Ansatz ist das sogenannte Modellieren durch die Lehrkraft. Lehrerinnen und Lehrer zeigen den Schülerinnen und Schülern dabei Schritt für Schritt, wie sie eine Strategie selbst anwenden“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Sie benennen und begründen die Strategien und sprechen Gedanken, Vorgehensweisen und Stolperstellen laut aus, während sie diese Handlung sichtbar durchführen.“

Das Foto zeigt Franziska Kipsch, Wissenschaftlerin an der Universität Hamburg. Franziska Kipsch
Franziska Kipsch

Wie das in etwa ablaufen kann, erklärt Franziska Kipsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg: „Die Lehrkraft wird zum lebenden Modell und demonstriert den Kindern: Mmh, ich brauche Ideen für meinen Text … Puh, mir fällt aber gerade überhaupt nichts ein. Ich atme mal tief durch und konzentriere mich. Dann schaffe ich das bestimmt! Jetzt überlege ich, was ich für meinen Text brauche. Dafür benutzte ich am besten die W-Fragen. Denn die helfen mir beim Ideensammeln. Die Lehrkraft nimmt die Lernenden also mit, vom ersten Gedanken bis zu den tatsächlich notierten Ergebnissen. So werden Denkprozesse und Handlungsabfolgen beobachtbar, nachvollziehbar und nachahmbar“, sagt Franziska Kipsch.  Ziel dabei ist es, so die Wissenschaftlerin, dass die Schreiblernenden Strategien als Handlungsmuster sehen, die ihnen bei der Umsetzung helfen. Denn so könnten sie ihre eigenen Handlungsschritte und den eigenen Schreibprozess selbst besser wahrnehmen, steuern, aber auch selbstreflexiv artikulieren.

Fortbildung für Lehrkräfte als Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung

Diese Vermittlungspraxis ist für viele Lehrerinnen und Lehrer noch ungewohnt. „Daher ist es sinnvoll“, so Franziska Kipsch, „im Rahmen von Fortbildungen nicht nur die theoretischen Hintergründe kennenzulernen, sondern auch die Vermittlung von Schreibstrategien nach dem SRSD-Ansatz zu erproben und damit auch das Modellieren zu üben.“ Im Rahmen von Schreib-BiSS ist darum ein umfangreicher Blended-Learning-Kurs entwickelt worden. Er beinhaltet neben einer Einführung zum Schreiben und einem Baustein zu den hierarchieniedrigen Schreibfertigkeiten einen weiteren Baustein, in dem es um die hierarchiehohen Schreibfertigkeiten und deren Vermittlung geht. Der Kurs wird nun auch in Qualifizierungsmaßnahmen im Rahmen des Startchancen-Programms eingesetzt.

Konkretes Trainingsmaterial zur Vermittlung von Schreibstrategien

Neben dem Fortbildungsangebot steht auch praxiserprobtes Trainingsmaterial für Schulen zur Verfügung. In der Reihe „Texte meistern“ finden Lehrkräfte unter anderem ein Schreibstrategietraining für die Grundschule. Dieses Schreibstrategietraining basiert auf vorausgegangenen Versionen aus den Projekten „Schreib-BiSS“ und „SchuMaS“ und verbindet verschiedene als wirksam geltende Schreibfördermaßnahmen miteinander. Die drei Wissenschaftlerinnen haben diese Versionen insbesondere mithilfe der Ergebnisse aus Befragungen und Interviews im Projekt Schreib-BiSS nochmals gründlich überarbeitet. „Die Rückmeldungen der Lehrerinnen und Lehrer waren sehr wertvoll für uns“, so Michaela Mörs, „wir haben das Feedback in die Überarbeitung einfließen lassen.“

Die Trainingsreihe „Texte meistern“

Die Unterrichtsmaterialien „Texte meistern“ wurden vom Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung der Universität zu Köln im Rahmen verschiedener Projekte entwickelt und erfolgreich evaluiert. Sie richten sich an Schülerinnen und Schüler der Klassen 2 bis 7. Begleitende Handreichungen unterstützen Lehrkräfte bei der gezielten Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen. Die Hefte „Texte meistern“ können für ein regelmäßiges Training im Unterricht eingesetzt werden. Im Rahmen des Startchancen-Programms kommen die Hefte bereits zum Einsatz.

 

Im Bereich Schreiben steht neben dem Schreibstrategietraining auch ein Schreibflüssigkeitstraining auf zwei verschiedenen Differenzierungsstufen zur Verfügung. Es wurde im Rahmen des Projektes „FluLeS“ entwickelt, für das Projekt „Die Schreibstarken“ für die Grundschule adaptiert und im Anschluss nochmals überarbeitet. Wenn Schülerinnen und Schüler noch keine ausreichende Schreibflüssigkeit aufweisen, bietet es sich an, dieses Training vor der Durchführung des Schreibstrategietrainings zu durchlaufen.

In dem nun veröffentlichten Schreibstrategietraining steht – wie in dem vorangegangenen Material – die Vermittlung der Strategie „PIRSCH+“ im Mittelpunkt. Diese umfasst, den zu schreibenden Text zu Planen, Ideen zu sammeln, eine Reihenfolge festzulegen, dann zu SCHreiben und am Ende – als großes Plus (+) für den Text – diesen noch einmal zu überprüfen und zu überarbeiten. Mit dieser Strategie können Kinder und Jugendliche textsortenübergreifend arbeiten. Im Material wenden sie PIRSCH+ aber konkret für das Schreiben von Geschichten an. „Ergänzend werden im Training weiterhin die Strategien „AHA“ bzw. „Der rote Faden“ und die „W-Fragen“ vermittelt. AHA hilft bei der Strukturierung von Texten; die W-Fragen unterstützen ein strukturiertes Sammeln von Ideen bei der Planung von Geschichten“, erklärt Michaela Mörs.

Wie die Förderhefte „Texte meistern“ aufgebaut sind

Das überarbeitete Material besteht aus insgesamt 15 Einheiten, die in Anlehnung an den SRSD-Ansatz auf drei Blöcke aufgeteilt sind: Zunächst modelliert die Lehrkraft die Anwendung der Strategien im ersten Block. Anschließend erfolgt im zweiten Block das unterstützte Üben in Tandemarbeit, bevor die Strategien schließlich im dritten Block eigenständig angewendet werden. „Jede Einheit folgt außerdem einer klaren Struktur“, betont Ina Kaplan. „Zunächst findet ein Aufwärmtraining statt, bei dem Vorwissen aktiviert wird. Dann wird die Anwendung der Strategien modelliert bzw. trainiert. Und abschließend beinhaltet das Auslaufen eine spielerische Sicherung des Gelernten oder – nach längeren Schreibphasen – Lockerungsübungen“, sagt sie.

Ein wichtiger Bestandteil des Schreibstrategietrainings sind auch kooperative Lernformen: Denn Gruppen- oder Tandemarbeit fördert den Austausch und ermöglicht Peer-Feedback im Schreibprozess, durch das die Kinder gegenseitig voneinander und von den jeweiligen Texten anderer lernen können. Sie können gleichzeitig die Wirkung ihrer eigenen Text erfahren und diese an die Perspektive der Lesenden anpassen. So findet das Schreiben in einem sozial eingebunden Kontext statt. „Zudem gilt kooperatives Schreiben ebenfalls als wirksame Schreibfördermaßnahme, die auch zur Entlastung im Schreibprozess beitragen kann, wenn zu zweit Geschichten geplant, geschrieben und überarbeitet werden“, erklärt Franziska Kipsch. „Hinzu kommen Präsentationsphasen, etwa Vorleserunden. Hierdurch können die Kinder ihre Texte mit einer lesenden oder hörenden Öffentlichkeit teilen und so Selbstwirksamkeit erfahren, die wiederum die Motivation der Kinder stärkt“, so die Wissenschaftlerin von der Universität Hamburg.

Zusätzlich werden weitere Materialien – sogenannte Scaffolds – bereitgestellt, die die Möglichkeit zur Differenzierung nach Schreibniveau und Lernvoraussetzung bieten. Zudem stehen Kopiervorlagen zur Verfügung, die einen Einsatz der Strategie PIRSCH+ auch nach Abschluss des Trainings mit eigenen Schreibimpulsen ermöglichen.

Schreibstrategien mit Trainingsmaterial einfacher vermitteln

Gezielte Schreibstrategietrainings können also ein wirksamer Hebel sein, um die Schreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu fördern. Lehrkräfte können die Anwendung von Schreibstrategien dabei Schritt für Schritt modellieren, begleiten und grundlegend verankern. Sinnvoll ist dabei, die Strategievermittlung mit weiteren schreibförderlichen Maßnahmen zu kombinieren und das Texteschreiben – wie im hier vorgestellten Training – in ein sinnstiftendes und sozial eingebundenes Schreibsetting zu integrieren.

 

Porträtbild Dr. Ina Kaplan: Mercator-Institut/A. Etges; Porträtbild Franziska Kipsch: privat; Porträtbild Dr. Michaela Mörs: Mercator-Institut/M. Hauschild; Beitragsbilder: Mercator-Institut/H. Witte

Die Gesprächspartnerinnen

Dr. Michaela Mörs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung in Köln. Sie hat am Projekt „Schreib-BiSS“ der Initiative BiSS-Transfer mitgewirkt und ist heute im Arbeitsbereich Blended Learning am Kompetenzzentrum Sprachbildung tätig. Dieses ist Teil des CHANCEN-Verbunds, der Mitwirkende in Ländern und Bund dabei unterstützt, das Startchancen-Programm zu steuern und umzusetzen.

 

Dr. Ina Kaplan arbeitet ebenfalls als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung. Die Sprachwissenschaftlerin war auch Teil des Teams „Schreib-BiSS“ und ist heute am Kompetenzzentrum Sprachbildung im Arbeitsbereich Schreiben tätig.

 

Franziska Kipsch arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg im Projekt „Fokus Deutsch NRW“. Zuvor begleitete sie an der Technischen Universität Chemnitz das landesseitige wissenschaftliche Begleitprojekt „SchuMaS Deutsch NRW“, in welchem sie auch in der Zusammenarbeit mit dem SchuMaS-Forschungsverbund an der Weiterentwicklung der Materialien mitarbeitete.

Das Foto zeigt unsere Mitarbeiterin Denise Krell.
Autorin
Denise Krell
Kommunikationsmanagerin der Leitstelle BiSS-Transfer am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung
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