Hans-Joachim Roth: „BiSS bleibt immer offen für neue Herausforderungen“

Posted on: Februar 23rd, 2026 by Denise Krell
Herr Roth, im Januar 2026 ist die neue Leitstelle BiSS gestartet, die bis Ende 2027 vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert wird. Was sind die zentralen Ziele der Leitstelle?

Hans-Joachim Roth Die Leitstelle BiSS sorgt dafür, dass die Unterstützungsangebote aus den Initiativen „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) und BiSS-Transfer weiterhin genutzt werden können. Seit 13 Jahren ist BiSS bereits eine verlässliche Konstante für die vielen Engagierten in den Ländern, Schulen und Kitas. Und zwar deutschlandweit. Rund 4.200 Schulen und Kitas greifen mittlerweile auf die Diagnose- und Förderkonzepte und die Fortbildungsangebote von BiSS und BiSS-Transfer zu. Und der Bedarf wächst. Das zeigt der beeindruckende Zuwachs in den vergangenen drei Jahren. Denn da hat die Initiative noch einmal richtig Fahrt aufgenommen, rund 3.000 Schulen und Kitas kamen neu hinzu. Die Fortführung der Unterstützungsangebote über eine zentrale Koordinierungsstelle zu gewährleisten, ist also ein wichtiger Meilenstein, um die sprachliche Bildung von Kindern und Jugendlichen auch in Zukunft weiter zu stärken. In der nächsten Zeit geht es vor allem darum, diese Unterstützung einem noch größeren Kreis von Schulen und Kitas anzubieten und systematisch in der Schulentwicklung zu verankern.

Ein weiterer wichtiger Auftrag der Leitstelle wird zudem darin bestehen, alle Angebote für die Nutzung im Startchancen-Programm zur Verfügung zu stellen. Wir arbeiten dazu eng mit dem Kompetenzzentrum Sprachbildung im CHANCEN-Verbund zusammen, um Schulen in sozial herausfordernden Lagen gezielt zu unterstützen. Der Verbund unterstützt die Akteurinnen und Akteure in Ländern und Bund dabei, das Startchancen-Programm zu steuern und umzusetzen.

„In der nächsten Zeit geht es vor allem darum, diese Unterstützung einem noch größeren Kreis von Schulen und Kitas anzubieten und systematisch in der Schulentwicklung zu verankern.“

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth
Was heißt das konkret? Welche Aufgaben übernimmt die Leitstelle BiSS?

Hans-Joachim Roth Das heißt: Die Leitstelle BiSS wird weiterhin dafür sorgen, dass Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte über das BiSS-Blended-Learning-Angebot fortgebildet werden können. Dass eine Tool-Datenbank mit einer Übersicht von derzeit rund 130 Methoden zur sprachlichen Diagnostik und Förderung nicht nur weiterhin als Informationsquelle und Orientierungshilfe bereitsteht, sondern auch aktualisiert und erweitert wird. Dass Materialien, Broschüren und Fachartikel weiterhin zugänglich sind. Dass etablierte Netzwerke, die regional, landesintern und länderübergreifend zur Verbesserung der sprachlichen Bildung entstanden sind, aufrechterhalten werden – dazu bieten wir beispielsweise digitale Austauschformate und Veranstaltungen an. Und schließlich: dass diese Unterstützungsangebote auch für die Nutzung im Startchancen-Programm zur Verfügung stehen können.

Es gibt viele Anforderungen, denen sich Schulen und Kitas heute gegenübersehen: Warum ist gerade die Förderung der sprachlichen Bildung so wichtig?

Hans-Joachim Roth Weil sprachliche Bildung das Fundament ist! Lesen, schreiben und inhaltlich verständlich sprechen können – all das ist Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Vorankommen in unserem Bildungssystem. Fehlen Kindern und Jugendlichen diese Schlüsselqualifikationen, wird ihnen auch das Lernen in anderen schulischen Fächern – wie zum Beispiel Mathematik – schwerfallen. Das wirkt sich dann auf ihre weitere Schul- und Berufslaufbahn aus und kann auch im gesellschaftlichen Miteinander eine große Hürde sein. Umso besorgniserregender ist es, dass nach wie vor viele Kinder und Jugendliche in Deutschland enorme Lücken in den sprachlichen Fähigkeiten aufweisen. Bildungsstudien verdeutlichen, dass viele die Mindeststandards im Lesen und auch im Zuhören nicht erreichen. Das zeigt, dass wir noch viel stärker bei den Basiskompetenzen ansetzen und diese systematisch und in Einbettung stärken müssen. Und eben nicht nur kurzzeitig, sondern als langfristig angelegte Maßnahme. Das ist entscheidend.

Die Herausforderungen in der sprachlichen Bildung müssen als Daueraufgabe verstanden werden, die sich aufgrund des permanenten gesellschaftlichen Wandels und dessen Historie ergibt. Und ich glaube, dieses Umdenken hat in den vergangenen Jahren stattgefunden. Sprachliche Bildung wird nicht länger nur als Leuchtturmprojekt betrachtet, sondern mehr und mehr in der Schul- und Unterrichtspraxis verankert. BiSS bietet hierfür passende Konzepte und Maßnahmen an, die wissenschaftlich fundiert und praxistauglich aufbereitet sind und auf die immer mehr Menschen und Einrichtungen zugreifen.

„Die Herausforderungen in der sprachlichen Bildung müssen als Daueraufgabe verstanden werden, die sich aufgrund des permanenten gesellschaftlichen Wandels und dessen Historie ergibt.“

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth
Sie sagen, es hat ein Umdenken stattgefunden und die Förderung der Basiskompetenzen werde mehr und mehr als Daueraufgabe von Schulen und Kitas verstanden. Was ist der Grund für dieses Umdenken?

Hans-Joachim Roth Eine entscheidende Entwicklung war der Bürgerkrieg in Syrien. Die Flucht einer großen Anzahl von Menschen – vor allem auch von Kindern und Jugendlichen – brachte eine deutliche Veränderung in die Einschätzung von Migration und ihre Entwicklung. Es wurde breiter bewusst, dass Migrationsprozesse und ihre Folgen in Gesellschaft und Bildungssystem zu einer Standardherausforderung geworden sind. Das wurde zu einem Markstein in der Migrationspolitik.

Letztlich ist auch die aktuelle Verschärfung des Diskurses über Migration auf diese damals neue Einsicht zurückzuführen. Neues Wissen schafft ja bekanntlich nicht unmittelbar bessere Bedingungen, sondern muss erst einmal durchgearbeitet werden. Und dafür ist auch das Bildungssystem zuständig.

Diese Entwicklung können wir an BiSS nachvollziehen: Der Fokus lag zunächst auf dem Lesen und der Förderung der Bildungssprache – also eine Ausrichtung auf in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder und Jugendliche mit auszubauenden Kompetenzen. Für die vielen 2014 und in den Folgejahren „neu“ zugewanderten Kinder im Bildungssystem gab es damals keine gemeinsame Plattform für den Austausch unter den Zuständigen in den Ministerien und Fortbildungsinstitutionen.

„BiSS stand bereit“

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth

BiSS stand bereit und richtete Fachgruppen ein: zunächst für Praxisfragen zu Konzepten und Methoden in der Bildungsarbeit mit Neuzugewanderten und kurz danach auch für die strukturelle und organisatorische Entwicklung von Bildungsinstitutionen. Weiterhin wurden auf der Ebene der Fortbildung spezifische Blended-Learning-Angebote bereitgestellt, die bis heute immer weiter ausgebaut werden. So gibt es unter anderem einen Kurs zum Seiteneinstieg ins Lehramt, Angebote für den Zweitschrifterwerb, Materialien zum Erstkontakt, die Curriculumentwicklung. Das alles wurde nicht etwa vom schlauen Trägerkonsortium erfunden, das die Gesamtkoordination in den Initiativen BiSS und BiSS-Transfer innehatte, sondern geht auf Impulse und Anfragen aus den Bundesländern zurück. Hier ist eine entscheidende Erfolgsbedingung unserer Initiative zu sehen: BiSS blieb und bleibt immer offen für neue Herausforderungen und reagierte darauf mit gemeinsamen konzeptionellen wie anwendungsorientierten Entwicklungen in der sprachlichen Bildung. In einer engen Zusammenarbeit – oder wie man heute sagt „Ko-Konstruktion“ – zwischen Wissenschaft, Bildungsadministration, Politik und Praxis.

Austausch und Netzwerken auf der Abschlusstagung BiSS-Transfer. Bilder: Trägerkonsortium BiSS-Transfer/Julia Merkel
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen in der sprachlichen Bildung – und wie begegnet BiSS ihnen?

Hans-Joachim Roth Wichtige Themen in Bezug auf die sprachliche Bildung sind für die Schulen und Kitas sicherlich Digitalisierung und KI, aber auch Heterogenität und Mehrsprachigkeit. Beispielsweise ist durch die Migrationsbewegungen seit 2013 der Wunsch nach wirksamen Lese- und Sprachförderkonzepten, die unter anderem auch das Thema Mehrsprachigkeit sinnvoll einbeziehen, noch einmal immens gewachsen. Denn in vielen Kitas und Schulen treffen Kinder mit sehr unterschiedlichen Herkunftssprachen und Lernvoraussetzungen aufeinander. Das eröffnet Chancen, stellt die Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte aber auch vor große Anforderungen. BiSS bietet Unterstützung bei diesen wichtigen Themen, zum Beispiel durch entsprechende Blended-Learning-Fortbildungen. Konkrete Angebote sind etwa der Kursinhalt „Mehrsprachigkeit in der Schule“ oder ein Training zur Zweitschriftvermittlung im Kontext der Alphabetisierung. Hinzu kommen zahlreiche Materialien, Handreichungen und Broschüren für Lehrkräfte, die auch auf der BiSS-Webseite zur Verfügung stehen. In der Tool-Datenbank von BiSS finden sich darüber hinaus unter „Informationen zur Diagnostik für Neuzugewanderte“ Hinweise zu passenden Diagnostik-Tools – um nur einige Beispiele zu nennen.

Wo sollte man bei der sprachlichen Bildungsarbeit ansetzen? Kita, Grundschule, Sekundarschule, berufliche Bildung – wo sollte der Schwerpunkt liegen?

Hans-Joachim Roth Hier gilt nicht Entweder Oder. Sprachliche Bildungsarbeit muss durchgängig und anschlussfähig sein, weil Sprache nicht punktuell erlernt wird: Wenn Förderung erst in der Schule beginnt, kommt das für viele Kinder zu spät. Und wer sie dort beendet, lässt Lernerfolge wieder abbrechen oder verschließt Türen für Menschen, die beispielsweise in der beruflichen Bildung Unterstützung benötigen. Daher habe ich es auch als sehr problematisch empfunden, dass der Elementarbereich in der Initiative BiSS-Transfer 2020 ausgestiegen ist. Wir haben in BiSS-Transfer die Tür für Kitas aus diesem Grund immer offengehalten. So haben sich 2024 rund 460 Kitas in Bayern als neuer Landestransferverbund der Initiative angeschlossen, um den pädagogischen Fachkräften Fortbildungen zu ermöglichen, Kinder für den Übergang von der Kita in die Grundschule sprachlich zu bilden.

„Sprachliche Bildungsarbeit muss durchgängig und anschlussfähig sein, weil Sprache nicht punktuell erlernt wird: Wenn Förderung erst in der Schule beginnt, kommt das für viele Kinder zu spät.“

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth
Gibt es hierzu Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die zeigen, wie wichtig die sprachliche Bildung bereits in der Kita ist?

Hans-Joachim Roth Wie wertvoll diese Bearbeitung der Übergänge für die sprachliche Bildung von Kindern wie auch die Kompetenzentwicklung der sie begleitenden Pädagoginnen und Pädagogen ist, macht beispielsweise ein Projekt aus den Anfängen von BiSS sehr deutlich: Das Projekt TRIO erforschte die Kooperation zwischen Grundschule und Kindertagesstätte. Bereits die Konstruktionsbedingungen sind bemerkenswert: Das Projekt wurde nämlich wissenschaftlich vom seinerzeitigen Leiter der Abteilung Entwicklung im DIPF, Prof. Marcus Hasselhorn, und der damaligen Landeskoordinatorin Hessens, Dagmar Krug, initiiert – und in Kooperation mit den Frankfurter Professorinnen Diemut Kuckarz und Petra Schulz konzipiert und durchgeführt. Bezeichnenderweise war es gerade Prof. Hasselhorn, der bei der Erstellung der BiSS-Expertise noch darauf hingewiesen hatte, dass es für die Bearbeitung der Übergänge kaum empirische Belege zur Wirksamkeit gebe, das aber dann zum Anlass nahm, dem genauer nachzugehen.

Denn Wissenschaft beginnt bekanntlich mit Zweifel und Nichtwissen – und hier setzte das TRIO-Projekt an. Es ging um die Verbindung alltagsintegrierter Sprachbildung mit einer linguistisch fundierten Sprachförderung im Übergang aus dem Elementarbereich in die Schule. Beteiligt waren die Grundschullehrkräfte hessischer Vorlaufkurse sowie pädagogische Fachkräfte, die gemeinsam und institutionsübergreifend fortgebildet und begleitend gecoacht wurden. Themenfelder der Fortbildung waren neben den linguistischen Grundlagen Spracherwerb und Mehrsprachigkeit, Elternkooperation, Sprachdiagnostik und Sprachförderung. In den Ergebnissen konnten Wirkungen sowohl auf der Ebene der beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen wie auch der Kinder erzielt werden. So wurden deutlich verbesserte Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte sichtbar und ebenfalls eine klare Verbesserung der Sprache der Kinder im ersten Schuljahr, konkret in der Bildung von Sätzen. TRIO hat also gezeigt, wie wertvoll eine durchgängige sprachliche Bildungsarbeit ist.

Wir sollten das Bildungssystem also nicht als eine Abfolge von institutionell versäulten Etappen behandeln, sondern immer als Ganzes im Blick behalten und auch die Übergänge bearbeiten. In dieser Hinsicht stimmt es hoffnungsfroh, dass seit dem letzten Jahr Kita und Schule in einem Bundesministerium vereint sind. Dasselbe gilt für den Übergang in den Beruf. Dieses Thema ist explizit im Startchancen-Programm integriert. Denn Durchgängigkeit ist ein zentrales Element für nachhaltigen Erfolg in der sprachlichen Bildungsarbeit.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre: Wo soll BiSS im Jahr 2030 stehen, und welche Wirkung erhoffen Sie sich für die sprachliche Bildung in Deutschland?

Hans-Joachim Roth Ich hoffe, dass die jetzt schon beeindruckende Zahl an Mitwirkenden für die sprachliche Bildung noch weiter anwachsen wird und wir unser Netzwerk und die vertrauensvolle Zusammenarbeit für die sprachliche Bildung weiter ausbauen. Denn das enge gemeinsame Handeln und Wirken von Wissenschaft und Praxis, das zu einer großen Akzeptanz und Praxistauglichkeit der Maßnahmen in den Schulen und Kitas geführt hat, war und ist eine richtungsweisende Entwicklung. Kooperation und Partizipation sind zentrale Erfolgsmerkmale unserer Arbeit und haben die sprachliche Bildungsarbeit entscheidend vorangebracht und dabei geholfen, wirksame Maßnahmen in die Breite zu tragen. Je mehr Schulen und Kitas sehen, dass die Konzepte von BiSS Erfolg haben, desto mehr werden diese die Maßnahmen zur sprachlichen Bildung fest in ihrem schulischen und pädagogischen Alltag verankern – so dass irgendwann Sprachbildung einfach selbstverständlich in den Alltag integriert ist. BiSS bietet hierfür viele wirksame Werkzeuge, um direkt loszulegen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Roth!
Das Foto zeigt unsere Mitarbeiterin Denise Krell.
Das Interview führte
Denise Krell
Kommunikationsmanagerin der Leitstelle BiSS am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
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