„KI kann helfen, Fach- und Bildungssprache zu verstehen, Differenzierung erleichtern, Lernende individuell fördern und Feedbackprozesse verbessern.“
Aufgaben mit KI erstellen – worauf achten?
Regina Schulz nutzt generative KI sowohl in der Vorbereitung als auch im Unterricht. „Im Unterricht sind die Optionen aufgrund der Datenschutzbestimmungen zwar eingeschränkter“, räumt sie ein. „Aber auch hier gibt es viele Möglichkeiten und Hilfestellungen.“
„Natürlich können Lehrkräfte nicht einfach Aufgaben stellen, die mit einem Klick mit KI zu beantworten sind. Damit ist niemandem geholfen“, sagt sie. „Idealerweise sind Aufgabenstellungen so individuell, dass sie nur in einem gemeinsamen Lernprozess mit KI-Unterstützung erarbeitet werden können – und Reflexion fördern.“
Praxisbeispiele aus dem Unterricht: KI im Fach Englisch
Wie KI den Unterricht bereichern und sprachliche sowie fachliche Kompetenzen stärken kann, dafür hat die Hamburger Lehrerin viele Beispiele – etwa aus ihrem Englischunterricht. „KI-Assistenten können nach Sprachlevel filtern und Vorschläge für bestimmte Worte oder Formulierungshilfen auf dem nächst höheren Sprachlevel geben. Die Modelle sind inzwischen so gut, dass man gar keinen komplexen Prompt, also Eingabebefehl, mehr braucht“, sagt sie.
Differenzierung kann so leichter werden, KI kann viel Zeit sparen und sprachliche Kompetenzen fachübergreifend fördern. „Den Lernprozess können die neuen Tools dabei natürlich nicht abnehmen. Wenn mir ein Tool etwa anzeigt, dass to think auch im Sinne von to work on verwendet werden kann, bleibt es trotzdem an mir, diese Bedeutung einzuordnen, zu üben und in eigenen Kontexten anzuwenden. Lernen ist und bleibt ein aktiver Prozess, den kein digitales Werkzeug automatisieren kann.“
Besonders beliebt und motivierend in ihrer fünften Klasse ist die kreative Anwendung: Grammatikregeln im Englischunterricht bereitet die Lehrerin gemeinsam mit ihren Klassen als Songtexte auf. So bleibt Sprache im Kopf. In anderen Jahrgängen erstellen Jugendliche Podcasts oder Videos mit Hilfe von KI. Die Möglichkeiten sind breit gefächert.
„Lernen ist und bleibt ein aktiver Prozess, den kein digitales Werkzeug automatisieren kann.“
KI-Maskottchen als Lernbegleiter und Motivator
Auch personalisierte KI-Maskottchen kommen gut an. „Wir haben im Englischunterricht Vokabeln zu Tieren, Emotionen und Eigenschaften wiederholt. Die Schülerinnen und Schüler haben daraus mit einem Prompt eigene KI-Maskottchen erstellt – kleine virtuelle Figuren, die ihre Stärken repräsentieren“, erzählt Regina Schulz.
Die Maskottchen begleiten die Kinder über längere Zeit, etwa bei Lernentwicklungsgesprächen. „Sie stehen virtuell auf dem Tisch, erinnern an Inhalte und schaffen eine emotionale Verbindung. Das Lernen wird so persönlicher und motivierender.“
KI-Unterstützung im Fachunterricht Geschichte
Im bilingualen Geschichtsunterricht nutzt die Lehrerin KI, um komplexes Fachvokabular zu erklären. „Gerade stille Schülerinnen und Schüler profitieren davon. Sie können sich Begriffe erklären lassen, ohne vor der Klasse fragen zu müssen.“
Auch für Feedback eignen sich die digitalen Tools. Ein Feedback-Assistent kann Lernenden helfen, ihre Texte zu überarbeiten – ohne ihnen die Lösung direkt zu liefern. „Die KI stellt Fragen, die sie zum Nachdenken bringen. So wird nicht einfach eine vorgefertigte Lösung reproduziert“, so Regina Schulz.
Nicht einfach zu reproduzieren, das ist für die Lehrerin das A und O im Umgang mit KI. Vielmehr möchte sie ihre Schülerinnen und Schüler ermutigen, die Künstliche Intelligenz im Unterricht reflektiert und zukunftsorientiert anzuwenden – und eben nicht versteckt unter der Schulbank. Um eine solche Transparenz möglich zu machen, braucht es erst einmal einen Vertrauensvorschuss. „Auch ich schreibe unter meine Präsentationen und Arbeitsmaterialien, wann ich KI verwendet habe und wann nicht. Und genau das erwarte ich von meiner Klasse“, sagt Regina Schulz. Ebenso wichtig ist es, in einigen Lernphasen dezidiert keine digitalen Anwendungen zu nutzen und sich Inhalte ohne KI zu erarbeiten. „Beides muss funktionieren“, betont sie.
Authentische Begegnungen fördern – trotz und mit KI
Besonders inspirierend findet die Lehrerin Kooperationsprojekte mit Schulen weltweit, in denen Lernende aus verschiedenen Ländern digital zusammenkommen, um über globale Themen wie etwa Nachhaltigkeit zu diskutieren. „Da treffen verschiedene gewinnbringende Perspektiven und Expertisen aufeinander – etwa aus den USA, Peru oder Frankreich. KI kann in der Vorbereitung solcher schulischen Austauschtreffen bei Mediation und Fachsprache sehr gut unterstützen“, sagt Regina Schulz. Für die Lehrerin liegt in solchen authentischen Begegnungen eine große Chance des zukünftigen Sprachenlernens.
„Man kann KI nutzen, um Texte zu vereinfachen, Aufgaben zu entwickeln oder Arbeitsblätter zu überarbeiten – ohne personenbezogene Daten einzugeben. Das kann Lehrkräften viel Zeit ersparen.“
Unterricht mit KI: Wie können Lehrkräfte anfangen?
Wenngleich vielen Lehrkräften bewusst ist, dass KI aus der zukünftigen Unterrichtsgestaltung nicht mehr wegzudenken ist, ist der Anfang häufig schwierig. Wo also starten – bei ohnehin vollem Lehrplan und wenig Zeit? „Der einfachste Einstieg ist die Unterrichtsvorbereitung“, rät Regina Schulz. „Hier gelten weniger Datenschutzauflagen. Man kann KI nutzen, um Texte zu vereinfachen, Aufgaben zu entwickeln oder Arbeitsblätter zu überarbeiten – ohne personenbezogene Daten einzugeben. Das kann Lehrkräften viel Zeit ersparen.“
Eine offene Haltung ist dabei für sie Voraussetzung: „Lassen Sie sich von Schülerinnen und Schülern Dinge zeigen! Machen Sie sich auf den Weg und probieren Sie einfach aus!“
Hilfreich sei der Austausch – ob im Kollegium, in Fortbildungen oder auf Social Media. „Viele Lehrkräfte teilen ihre Prompts und Good-Practice-Beispiele öffentlich.“ Auch sie selbst stellt ihre Anwendungsfälle in ihren Fortbildungen für Lehrkräfte zur Verfügung.
Wie reflektiert die Lehrerin KI-Nutzung mit Schülerinnen und Schülern?
Oftmals ist es auch die Sorge vor einer unreflektierten Anwendung auf Seiten der Lernenden, die viele Lehrkräfte vom Einsatz einer KI in Schule und Unterricht abhält. Regina Schulz unterrichtet daher nicht nur mit und ohne KI, sondern auch über KI. „Wenn KI-integrierende Aufgaben im Zentrum stehen, geht es mir vor allem um Prozessorientierung und kontinuierliche Reflexion“, erklärt sie.
Konkret bedeutet das: Die Schülerinnen und Schüler dokumentieren exemplarisch ihre Prompts, Überarbeitungsschritte und Entscheidungswege. Beim Lernen über KI analysieren sie gemeinsam sogenannte Halluzinationen, überprüfen KI-generierte Ergebnisse mithilfe verlässlicher Quellen und legen mögliche Bias im KI-Output offen. Mit Bias sind Vorurteile oder Voreingenommenheit gemeint. „Dabei werden auch Machtasymmetrien explizit thematisiert – anhand von Fragen wie: Wer entwickelt diese KI-Systeme? Wessen Daten dominieren? Welche Interessen sind möglicherweise eingeschrieben?“, erklärt Regina Schulz. Ziel sei es, KI nicht nur anzuwenden, sondern kritisch zu verstehen und verantwortungsbewusst einzuordnen.
KI als Chance für die sprachliche Bildung in Schule und Unterricht?
Die Art von Unterricht und die Rolle von Lehrkräften wird sich durch KI ändern, davon ist die Hamburgerin überzeugt. „Der Prozess, die Kommunikation und das gemeinsame Reflektieren werden in der Unterrichtsgestaltung mehr und mehr in den Vordergrund rücken.“
Für Regina Schulz geht damit die große Chance einher, Unterricht neu zu denken: „KI ist kein Selbstzweck. Sie hilft uns, über die wirklich wichtigen Fragen nachzudenken: Was ist Sprache? Was ist Lernen? Und wie können wir beides in einer sich verändernden Welt lebendig halten?“
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