Impulse für Lehrkräfte: Fünf Praxisbeispiele für einen mehrsprachigen Unterricht

Posted on: Februar 23rd, 2026 by Denise Krell
Das Bild zeigt Dr. Stefanie Bredthauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut in Köln. Bildnachweis: Mercator-Institut Bild: Mercator-Institut
Dr. Stefanie Bredthauer

Die Lebenswelt der meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist heute von sprachlicher Heterogenität geprägt. Sie wachsen in mehrsprachigen Familien auf und begegnen Fremdsprachen in sozialen Medien oder im Freundeskreis. Die Sprachenvielfalt spiegelt sich auch in den Klassenzimmern. Dieses Potenzial zu nutzen, kann viel bewirken.

„Die meisten Schülerinnen und Schüler reagieren unglaublich positiv und wertschätzend, wenn ihre Lehrkräfte verschiedene Sprachen in den Unterricht einbeziehen“, weiß Dr. Stefanie Bredthauer, Sprachwissenschaftlerin am Mercator-Institut. „Ein großer Mehrwert der mehrsprachigen Unterrichtsgestaltung ist, dass Kinder und Jugendliche ihr gesamtes Repertoire an sprachlichen Ressourcen nutzen können, um über Unterrichtsinhalte nachzudenken und sich dazu auszutauschen“, sagt sie.

Dieser Ansatz wird als mehrsprachiges Scaffolding bezeichnet. Die Idee: Die Lernenden müssen ihre Gedankengänge nicht abbrechen, nur weil sie ihnen in anderen Sprachen als der Unterrichtssprache leichter fallen. Sie können stattdessen alle Sprachen einsetzen, die ihnen zur Verfügung stehen. „Das entlastet kognitiv, erleichtert das Lernen und fördert die Motivation“, erklärt die Expertin für mehrsprachiges Lernen. „Denn: Kann ein Schüler eigenes Wissen in den Unterricht einbringen, stärkt das sein Selbstwirksamkeitsempfinden und die Persönlichkeitsentwicklung. Der Erfolg motiviert, weiterzumachen und sich zu beteiligen – mit oft unglaublich starken Effekten auf die Unterrichtsatmosphäre insgesamt.“

„Ein großer Mehrwert der mehrsprachigen Unterrichtsgestaltung ist, dass Kinder und Jugendliche ihr gesamtes Repertoire an sprachlichen Ressourcen nutzen können, um über Unterrichtsinhalte nachzudenken und sich dazu auszutauschen.“

Dr. Stefanie Bredthauer

Ängste überwinden und einfach anfangen

Warum wird Mehrsprachigkeit trotzdem häufig nicht für den Lernprozess in der Schule genutzt? „Ein Knackpunkt ist manchmal, dass Lehrerinnen und Lehrer denken, sie können nicht alle Sprachen in ihrer Klasse bedienen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Andere haben Sorge vor einem Kontrollverlust. Sprich: Dass sie nicht mehr in der Hand haben, was im Klassenzimmer passiert, wenn der Unterricht nicht in der Sprache stattfindet, die sie selbst beherrschen. Das sind Ängste, die man gut nachvollziehen kann“, sagt Stefanie Bredthauer.

Allerdings weiß die Wissenschaftlerin aus eigener Forschung und Erfahrung, dass solche Bedenken in der Regel unbegründet sind. Studien aus Videountersuchungen zeigen: Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich nicht mehr oder weniger mit dem Unterrichtsgegenstand, ganz gleich, ob sie sich in Deutsch oder einer anderen Sprache austauschen.

Da Stefanie Bredthauer zudem – gemeinsam mit einer ehemaligen Lehrerin und Kollegin – den YouTube-Kanal „Klasse! Sprachen!“ betreibt, weiß sie aus zahlreichen Gesprächen: „Die meisten Lehrkräfte merken schnell, dass die Lernmotivation und die Begeisterung gegenüber anfänglichen Sorgen überwiegen. Meist sind sie unglaublich positiv überrascht von den Entwicklungen im Unterricht: Kinder, die sonst nicht mitmachen, beteiligen sich. Oder es kommen neue Themen auf, die den Unterricht bereichern.“

Tipps für einen mehrsprachigen Unterricht

Verschiedene Sprachen in den Schulunterricht zu integrieren, birgt also große Chancen. Nicht nur in den sprachlichen Fächern, auch im Fach Geschichte, Mathematik oder im Sachunterricht der Grundschule kann die freie Sprachwahl in ausgewählten Unterrichtssequenzen zu Leistungsverbesserungen und einer besseren Klassenkultur führen. Ein sprachensensibler Fachunterricht kann nicht nur Sprachkompetenzen, sondern auch das fachliche Lernen stärken. Allerdings ist der Anfang häufig schwer. „Dabei muss es gar nicht immer gleich das große Konzept sein, das direkt auf Schulebene verankert ist“, betont Stefanie Bredthauer. „Den Anfang können Lehrkräfte schon im Kleinen machen: mit einfach umzusetzenden Maßnahmen.“

Fünf einfache Praxisbeispiele für eine mehrsprachige Unterrichtsgestaltung:

  • Vorwissen aktivieren: Beim Brainstorming zu neuen Themen können Lehrkräfte alle Sprachen einbeziehen. So knüpfen Schülerinnen und Schüler leichter an und bringen Wissen ein, das sie in anderen Sprachen erworben haben. Die Ergebnissicherung erfolgt anschließend in der Unterrichtssprache.
  • Mehrsprachige Recherche: Wenn Kinder in unterschiedlichen Sprachen recherchieren können – etwa in Gruppenarbeit – bringt das häufig viele neue Sichtweisen zusammen. Beispielsweise bei Themen wie Klimawandel oder Geschichte. „Ein Mehr an Quellen aus verschiedensten Ländern bietet meist auch ein Mehr an Perspektiven für das Unterrichtsthema“, sagt Stefanie Bredthauer.
  • Notizen in eigener Sprache: Bei Einzelarbeit können Lernende ihre Gedanken in der Sprache festhalten, die ihnen am leichtesten fällt. Zum Beispiel indem sie sich Notizen am Textrand machen können. Im Plenum werden dann die Ergebnisse gemeinsam in der Unterrichtssprache zusammengeführt.
  • Sprachvergleiche: Besonders im Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht lassen sich grammatische Strukturen, Wörter oder Laute vergleichen. Kinder und Jugendliche finden es oft spannend, dass bestimmte Wörter in verschiedenen Sprachen ähnlich sind oder eben auch sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Auch Fachbegriffe im Sachfachunterricht, die oft Internationalismen sind, eignen sich hervorragend hierfür.
  • Mathematik mehrsprachig denken: Selbst beim Bruchrechnen lohnt der Blick über die Sprachgrenzen. „Beispielsweise werden Brüche anders versprachlicht“, so Stefanie Bredthauer. Der Vergleich sprachlicher Ausdrucksweisen wie „drei Fünftel“ etwa mit der türkischen Versprachlichung „Beş-te üç“ (fünf, darin 3) können für ein tieferes fachliches Verständnis genutzt werden. So können Mathematiklehrkräfte den Unterricht in sprachlich heterogenen Klassen nachhaltig verbessern.

Regeln erleichtern das mehrsprachige Lernen

Möchten Lehrkräfte mehrsprachige Inhalte im Unterricht integrieren, ist es hilfreich, am Anfang klare Regeln in der Klasse festzulegen. Fragen wie „Wann dürfen alle Sprachen genutzt werden?“ und „Wann soll nur die Unterrichtssprache verwendet werden?“ sollten im Vorfeld geklärt und für alle Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar sein. „Denn Lehrkräfte sollten eins nicht vergessen“, rät Stefanie Bredthauer: „Es ist nicht nur für sie ungewohnt, sondern auch für die Kinder, ihre Herkunftssprachen nutzen zu dürfen.

Auch bei den Lernenden treten anfangs Hemmungen und Unsicherheiten auf. Es muss erst einmal eine Atmosphäre geschaffen werden, in der alle Beteiligten wissen, dass ihre Herkunftssprachen willkommen sind.“ Eine klare Struktur erleichtert den Umgang mit neuen Lernprozessen.

„Es muss erst einmal eine Atmosphäre geschaffen werden, in der alle Beteiligten wissen, dass ihre Herkunftssprachen willkommen sind.“

Dr. Stefanie Bredthauer

Unterstützungsmaterial für mehrsprachige Unterrichtsmethoden

Meist leiden Lehrkräfte und Schulleitungen unter mangelnden zeitlichen Kapazitäten und die Unterrichtsstunden sind voll mit Inhalten, die abgedeckt werden müssen. Wie können sie das Thema Mehrsprachigkeit dennoch angehen – ohne viel Aufwand betreiben zu müssen?

„Zunächst einmal ist es wichtig, sich als Lehrkraft eins klarzumachen: Ich muss nicht alles selbst können und wissen“, sagt Stefanie Bredthauer. „Man kann hier wirklich sehr gut auf die Expertisen der Schülerinnen und Schüler zurückgreifen. Gegebenenfalls können sie auch die Familien einbeziehen – über Hausaufgaben oder Unterrichtsbesuche“, erklärt sie weiter.

Wenn Interessierte sich tiefer einlesen möchte und wissen wollen, wie verschiedene Sprachen funktionieren, gibt es viele verständliche Beschreibungen, die Informationen in Kürze liefern. Hilfreiche Online-Materialien und Broschüren finden sich zum Beispiel auf der Webseite des Mercator-Instituts und der Initiative BiSS. Auch digitale Angebote wie der „Klasse! Sprachen!“-Kanal auf YouTube zeigen praxisnahe Beispiele für verschiedene Fächer.

Einen Überblick darüber, welche Methoden und Tools es für eine mehrsprachige Unterrichtsgestaltung gibt, liefert auch die BiSS-Tool-Datenbank. Rund 130 Diagnostik- und Förderinstrumente für die Bereiche Sprache, Lesen und Schreiben sind hier beschrieben, auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und mit einem Qualitätscheck versehen.

Fortbildungen zur Mehrsprachigkeit

Viele Lehrkräfte nutzen auch Fortbildungen. Praxisorientierte und wissenschaftsfundierte Qualifizierungsangebote finden sich etwa auf der Fortbildungsplattform der vom Bund geförderten Leitstelle BiSS. Das Training „Mehrsprachige Kompetenzen nutzen“ zeigt beispielsweise nicht nur, wie Lehrkräfte Mehrsprachigkeit in der Schule einbinden können, sondern auch wie diese Prozesse durch einen Schulentwicklungsprozess langfristig implementiert werden können. Die Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, einen Schulentwicklungsprozess exemplarisch zu durchlaufen und bekommen Impulse für die eigene Planung an die Hand. Bei Interesse an den Blended-Learning-Fortbildungen können Lehrkräfte sich an die BiSS-Landeskoordinatorinnen und -koordinatoren wenden.

Künstliche Intelligenz für die Unterrichtsgestaltung nutzen

Auch digitale Hilfsmittel erleichtern das mehrsprachige Lernen in heterogenen Klassen. Zum einen kann generative KI als Ideengeber für den mehrsprachigen Unterricht dienen. Zum anderen können Lehrkräfte Arbeitsblätter, Organisatorisches oder Aufgabenstellungen mit Hilfe von Übersetzungs-Apps oder KI-gestützten Tools ganz einfach in verschiedene Sprachen übersetzen. Auch ad hoc kann KI einen Austausch im Unterricht ermöglichen, wenn keine gemeinsame Sprache vorhanden ist. „Entscheidend ist, KI bewusst und zielführend einzusetzen – und gemeinsame Prinzipien hierfür zu entwickeln. KI sollte Lernprozesse erleichtern und anreichern, nicht ersetzen“, betont Stefanie Bredthauer.

Der Tipp an Lehrkräfte: Einfach ausprobieren

Der wichtigste Rat der Wissenschaftlerin lautet: Einfach anfangen. „Lehrkräfte können nichts falsch machen. Die vielseitigen sprachlichen Ressourcen vieler Schülerinnen und Schüler werden bislang kaum genutzt. Schon kleine Schritte machen einen Unterschied.“

Bild im Beitrag: Mercator-Institut

Das Foto zeigt unsere Mitarbeiterin Denise Krell.
Autorin
Denise Krell
Kommunikationsmanagerin der Leitstelle BiSS am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
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