Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen

Corlu, G.; Ekinci, A.; Ganteford, C.; Gießelbach, A.; Heeren, M.; Jacobs, D.; Keppeler, C.; Kluge, S.; Maahs, I.-M.; Mangasser, B.; Moch, A.; Mutlu,S.; Ozan, K.; Riewenherm, B.; Sánchez Oroquieta, M.J.; Strack, C. & Winter, C. (BiSS-Verbund Koordinierte Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten in Deutsch und in der Herkunftssprache während der Primarstufe/NRW)

FörderinstrumentPrimarstufeSekundarstufeP4S2
Hinweis:
Die Beschreibungen, die Sie hier finden, dokumentieren Materialien, die in der BISS-Laufzeit von 2013 bis 2019 in der Regel aus der Praxis heraus von Verbundteilnehmerinnen und -teilnehmern zur Erreichung ihrer Förderziele entwickelt bzw. weiterentwickelt wurden. Eine wissenschaftliche Prüfung dieser Materialien ist aufgrund des oft kleinen Einsatzgebiets oder einer bislang nicht abgeschlossenen Weiterentwicklung vom Trägerkonsortium nicht durchgeführt worden.

Kurzbeschreibung

Preis: Ggf. Druckkosten.

Bei den Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen handelt es sich um ein Förderinstrument in Form eines Heftes, das der Förderung des Leseverständnisses dienen soll. Es wurde für den Einsatz innerhalb der Methode des mehrsprachigen reziproken Lesens entwickelt und kann von Lehrkräften beim kooperativen Lesen in Kleingruppen besonders im Deutsch- und Sachunterricht, Herkunftssprachlichem Unterricht, in freien Lernzeiten oder anderen Lerngruppensettings eingesetzt werden. Das Tool soll insbesondere bilingual aufwachsende Schülerinnen und Schüler mit deutschen und türkischen Sprachkompetenzen im Grundschulalter – und bei Bedarf auch in der Sekundarstufe I - dabei unterstützen und dazu befähigen, in weitestgehend selbstständiger Kleingruppenarbeit die verschiedenen Lesestrategien des reziproken Lesens einzuüben und zu automatisieren und dabei ihr gesamtes sprachliches Repertoire zu nutzen. Es richtet sich nicht nur an schwächere Leserinnen und Leser, sondern kann besonders auch in Kleingruppen von Kindern mit fortgeschrittener und weniger fortgeschrittener Lesekompetenz kooperativ eingesetzt werden.
Das Konzept des mehrsprachigen reziproken Lesens beinhaltet die Lesestrategien „Vorlesen“, „Schwierige Wörter klären“, „Fragen an den Text stellen“, „Zusammenfassen“ sowie „Vorhersagen“. Zu diesen Lesestrategien bietet das Heft Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen den Kindern jeweils entsprechende sprachliche Mittel an, die mit ansteigendem Komplexitätsgrad gestaltet sind, und soll so auch zur Wortschatzerweiterung anregen.
Die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen liegen bisher ausschließlich bilingual in Deutsch-Türkisch vor. Sie können daher besonders von Kindern mit deutschen und türkischen Sprachkompetenzen genutzt werden und bieten sich daher auch für den Herkunftssprachlichen Unterricht (HSU) Türkisch an.
Kinder, die nicht über türkische, aber über deutsche Sprachkompetenzen verfügen, können das Tool auch im Rahmen des reziproken Lesens nutzen.

Welches Ziel hat das Tool?

Bei den Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen handelt es sich um ein Förderinstrument, das Grundschulkinder in mehrsprachigen Lerngruppen (besonders mit deutschen und türkischen Sprachkompetenzen) dabei unterstützen soll, komplexe Texte nach dem Prinzip des mehrsprachigen reziproken Lesens eigenständig zu erschließen und dabei ihr gesamtes sprachliches Repertoire zu nutzen. Hierbei unterstützt das Heft Lesehilfen in der Kleingruppe insbesondere die gemeinsame mehrsprachige Diskussion über komplexe Texte anhand der Lesestrategien „Wörter klären/Kelimeri anlamak“, „Fragen an den Text stellen/Metinle ilgili sorular sormak“, „Zusammenfassen/Özetlemek“ und „Vorhersagen/Tahmin etmek“, indem es entsprechende sprachliche Mittel anbietet. Es werden den Schülerinnen und Schülern durch die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen ansteigend komplexe sprachliche Hilfen angeboten, sodass die Kinder sie angepasst an ihre vorhandenen Kompetenzen nutzen können. So können manche Kinder dabei unterstützt werden, sich überhaupt frei zum Text zu äußern, während andere Kinder das Tool nutzen können, um Anregungen für bildungssprachlich adäquate Äußerungen zu erhalten. Es richtet sich also nicht nur an schwächere Leserinnen und Leser, sondern kann besonders auch in Kleingruppen von Kindern mit unterschiedlich ausgeprägten Lesekompetenzen kooperativ eingesetzt werden.
Schülerinnen und Schüler, die nicht über türkische, aber über deutsche Sprachkompetenzen verfügen, können das Tool auch für das reziproke Lesen nutzen.

Die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen können im Modul P4 „Diagnose und Förderung des Leseverständnisses“ sowie bei Bedarf in S2 „Lese- und Schreibstrategien im Verbund vermitteln“ eingesetzt werden.

Für welches Vorhaben kann das Tool eingesetzt werden?

Das Heft Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen ist ein Förderinstrument, das der Förderung des Leseverständnisses und der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit dient. Es wurde für den Einsatz innerhalb der Methode des mehrsprachigen reziproken Lesens entwickelt. Das Tool wurde für bilingual aufwachsende Schülerinnen und Schüler mit deutschen und türkischen Sprachkompetenzen im Grundschulalter – und bei Bedarf auch in der Sekundarstufe I – konzipiert. Es soll eine Elaborierung des Lesestrategiewissens in Deutsch und Türkisch bewirken und dadurch das Erlernen des eigenständigen Erschließens komplexer Texte in kooperativen Kleingruppen unterstützen. Die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen regen außerdem, bei der bilingualen Nutzung, Sprachvergleiche Deutsch-Türkisch an, die das Sprachbewusstsein der Kinder steigern können und so metasprachliche Fertigkeiten unterstützen. Das Tool leitet die Kinder dabei dazu an, sowohl den flexiblen und situativen Gebrauch ihrer mehrsprachigen Kompetenzen wie auch eine Automatisierung der Lesestrategien zu trainieren. Es soll ein fakultativ nutzbares Unterstützungsangebot für die Schülerinnen und Schüler darstellen, das sie auch selbstbestimmt nutzen können.

Kinder mit einer weniger ausgeprägten Lesekompetenz sollen durch das Tool befähigt werden, sich trotzdem eigenständig in der Gruppe über die Textinhalte auszutauschen, Wörter zu erklären und Fragen zur formulieren, während fortgeschrittenere Leserinnen und Leser dabei unterstützt werden sollen, ihre Bildungssprache zu elaborieren. Außerdem können die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen den Kindern sprachliches Anregungspotenzial bieten, indem sie Kinder dazu animieren Formulierungen zu nutzen und Fragen zu stellen, die sie zwar theoretisch beherrschen, die ihnen aber gerade nicht einfallen.
Mehrsprachigkeit wird in diesem Tool berücksichtigt. Jeweils auf der linken Seite einer Heftdoppelseite werden sprachlichen Mittel in deutscher, auf der rechten Seite in türkischer Sprache angeboten. Aufgrund ihrer momentan ausschließlich bilingual deutsch-türkischen Gestaltung eignen sich die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen allerdings besonders für mehrsprachige Kinder, die über türkische und deutsche Sprachkompetenzen verfügen. Schülerinnen und Schüler, die nicht über türkische, aber über deutsche Sprachkompetenzen verfügen, können das Tool auch für das reziproke Lesen nutzen, da alle sprachlichen Mittel des Tools immer auch auf Deutsch formuliert sind.

Wie funktioniert das Tool?

Das Tool Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen ist ein Förderinstrument, das im Rahmen des Förderkonzepts des mehrsprachigen reziproken Lesens angewandt werden kann. Es ist in Heftform gestaltet und kann von Lehrkräften beim kooperativen Lesen in Kleingruppen sowohl im Deutsch- und Sachkundeunterricht, im Herkunftssprachlichen Unterricht Türkisch, in freien Lernzeiten oder in anderen Lerngruppensettings eingesetzt werden und kann auch der Binnendifferenzierung in der Gruppenarbeit (im Sinne etwa von Tipp-Karten) dienen.
Um einen sinnvollen Einsatz zu gewährleisten, sollte das Tool zunächst von den Lehrkräften im Unterricht eingeführt und schrittweise erarbeitet werden. Anschließend können die Schülerinnen und Schüler die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen eigenständig nach Bedarf als Scaffold in der Kleingruppenarbeit anwenden. Die Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen stellen dann eine fakultativ nutzbare Unterstützungsmöglichkeit dar, die die Schülerinnen und Schüler angepasst an ihre Kompetenzstufe während der Gruppenarbeitsphase des mehrsprachigen reziproken Lesens nutzen können. Beim mehrsprachigen reziproken Lesen erarbeiten die Lernenden in Kleingruppen mit Kindern der gleichen Herkunftssprache kooperativ und unter Nutzung ihrer Gesamtsprachlichkeit Texte abschnittsweise anhand der folgenden Strategien:
1.) Vorlesen;
2.) Schwierige Wörter klären;
3.) Fragen an den Text stellen;
4.) Zusammenfassen;
5.) Vorhersagen.
Abschließend werden Lernprodukte (Plakate, Zeitungsberichte o.ä.) erstellt, die der Klasse vorgestellt werden. Diese Abschlusspräsentation erfolgt in der Regel wieder einsprachig, damit alle Lernenden verstehen können, was vorgetragen wird.

Bei den Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen handelt es sich um ein Heft, das konkrete sprachliche Mittel sowie Erklärungen zu den strategischen Bereichen „Schwierige Wörter klären“, „Fragen an den Text stellen“, „Zusammenfassen“ und „Vorhersagen“ enthält. Es ist bilingual gestaltet, je eine Doppelseite beinhaltet auf der einen Seite Hinweise in deutscher, auf der Nachbarseite in türkischer Sprache.

Zu jedem strategischen Bereich erklären die Lesehilfen zunächst das Vorgehen.
Bezüglich der Strategie „Schwierige Wörter klären/Kelimeri anlamak“ wird erläutert, „in dem Text gibt es schwierige Wörter und Wörter, die du nicht kennst. Kläre mit deinen Mitschülerinnen und Mitschülern die Wörter und Textstellen, die du nicht verstehst.“ Als Hilfsmittel werden den Kindern diesbezüglich beispielsweise die Redemittel „Nachfragen“ (Was bedeutet ...? Wer hat ... verstanden?) und „Erklären“ (Das Wort bedeutet ..., Damit ist gemeint, dass ...) nahgebracht. Die Komplexität und Fragentiefe der Redemittel ist dabei ansteigend.
Im Bereich „Fragen an den Text stellen/Metinle ilgili sorular sormak“ („Klärt in eurer Gruppe, wovon der Text handelt. Stellt euch Fragen zu den Personen, dem Ort, der Zeit, der Handlung, den Zusammenhängen.“) werden zunächst einfache Fragewörter (Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Wieso? Wofür?) an die Hand gegeben und dann nach Person, Ort, Zeit, Art und Weise sowie Zusammenhang weiter aufgeschlüsselt.
In den Bereichen „Zusammenfassen/Özetlemek“ („Worum geht es?“) und „Vorhersagen/Tahmin etmek“ („Was denkst du: Wie geht es weiter? Überlege, was passieren kann.“) wird ebenso verfahren.

Neben der Kleingruppenarbeit lässt sich das Tool auch bei einer gemeinsamen Textdiskussion im Klassenplenum nutzen, indem es Kinder dabei unterstützen kann, eigene mündliche Beiträge zu formulieren oder Ideen für Diskussionsbeiträge zu entwickeln.

Schülerinnen und Schüler, die nicht über türkische, aber über deutsche Sprachkompetenzen verfügen, können das Tool auch für das reziproke Lesen nutzen.

Was wird benötigt, um das Tool umzusetzen?

Material: Die Lesehilfen in gedruckter Form.

Schulung: Es ist keine Schulung notwendig. Demnächst soll eine praxisorientierte Handreichung erscheinen.

Kosten: Ggf. Druckkosten

Zugänglichkeit: Über die BiSS-Tooldatenbank und die Autorengruppe : MariaJose.SanchezOroquieta@bezreg-koeln.nrw.de und inamaria.maahs@mercator.uni-koeln.de

Wie ist das Tool a) theoretisch b) empirisch fundiert?

a) theoretische Fundierung

Das Tool wurde vom Verbund Koordinierte Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten in Deutsch und in der Herkunftssprache während der Primarstufe/ NRW entwickelt. Es basiert auf und soll hauptsächlich ergänzend im Rahmen des mehrsprachigen reziproken Lesens eingesetzt werden (Maahs, I.-M.& Sánchez Oroquieta, M. J., 2016). Dem mehrsprachigen reziproken Lesen liegen die Ansätze des reziproken Lesens (z.B. Palincsar & Brown, 1984) sowie des Translanguaging (Gantefort, C. & Sánchez Oroquieta, M. J., 2015; Garcia, Johnson & Seltzer, 2017; Otheguy, García & Reid, 2015) zugrunde. Entsprechend sind auch die Unterstützungstools Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen und Fragenfächer zum mehrsprachigen reziproken Lesen gestaltet. Sie sollen den Schülerinnen und Schülern einen Zugriff auf ihr gesamtsprachliches Repertoire und flexible Sprachwechsel im Sinne einer Mikroalternierung ermöglichen.
Insgesamt war auch ein Ziel der Entwicklerinnen und Entwickler dieses Tools das Bewusstsein für die Potenziale der Nutzung mehrsprachiger Kompetenzen zur Erschließung fachlicher Inhalte zu steigern.

b) empirische Fundierung

Eine separate empirische Fundierung des einzelnen Tools Lesehilfen zum mehrsprachigen reziproken Lesen liegt nicht vor. Das heißt, wenngleich es theoretisch plausibel erscheint, kann zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage gemacht werden, ob oder welche Effekte es auf den Erwerb von Lesestrategien oder Textverständnis hat, die über die Methode des reziproken Lesens hinausgehen. Das Konzept des reziproken Lesens (z.B. Palincsar & Brown, 1984) an sich gilt aber als empirisch und theoretisch fundiert (siehe Toolbeschreibung reziprokes Lesen).
Die Implementation des mehrsprachigen reziproken Lesens wurde durch wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität zu Köln wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Endgültige Ergebnisse stehen noch aus.

Mit welchen anderen Tools ist dieses Tool kombinierbar?

Reziprokes Lesen

Fragenfächer zum mehrsprachigen reziproken Lesen

Alter: 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13

Klassenstufe: 1; 2; 3; 4

Verbünde, die dieses Tool nutzen:

Links:

Mehrsprachiges reziprokes Lesen:
https://www.mercator-institut-sprachfoerderung.de/de/forschung-entwicklung/aktuelle-projekte/mehrsprachiges-reziprokes-lesen/ [23.02.2021]

Literaturhinweise

Gantefort, C. & Sánchez Oroquieta, M. J. (2015). Translanguaging-Strategien im Sachunterricht der Primarstufe: Förderung des Leseverstehens auf Basis der Gesamtsprachigkeit. Transfer Forschung ↔ Schule, 1(1), 24–37.

García, O., Johnson, S. & Seltzer, K. (2017). The Translanguaging classroom. Leveraging student bilingualism for learning. Philadelphia: Caslon. Verfügbar unter: https://www.caslonpublishing.com/titles/21/translanguaging-classrooms/ [23.02.2021]

Maahs, I.-M.& Sánchez Oroquieta, M. J. (2016a). Zweisprachiges koordiniertes Lernen in Grundschulen des Regierungsbezirks Köln – Ein Bericht über die Erfahrungen mit zweisprachigem Lernen in der Grundschule. BiSS-Journal 5. Ausgabe, S. 27-29.

Otheguy, R., García, O. & Reid, W. (2015). Clarifying translanguaging and deconstructing named languages. A perspective from linguistics. Applied Linguistics Review, 6 (3), 281–307.

Palincsar, A.S. & Brown, A.L. (1984). Reciprocal Teaching of Comprehension- Forstering and Comprehension-Monitoring Activities. Cognition and Instruction 1(2), 117-175.

Letzte Änderung am: 23.02.2021