Lückentexte zur Einschätzung der Lesegeschwindigkeit

DiagnosePrimarstufeÜbergang Primar-/SekundarstufeSekundarstufeP3S1
Lückentexte sind informelle Verfahren, die bei hinreichend standardisierter und reflektierter Anwendung Lehrkräfte dabei unterstützen können, Informationen über die Leseflüssigkeit von Kindern der Jahrgangsstufen 2 bis 10 zu gewinnen, und zwar anhand der Lesegeschwindigkeit.

Bitte beachten Sie den Hinweis am Ende der Beschreibung.

Kurzbeschreibung

Preis: 29,95 Euro. (Details)

Das Tool Lückentexte ist ein nicht normiertes Verfahren, das dazu dient, die Leseflüssigkeit von Schülerinnen und Schülern der 2. bis 10. Klassenstufe zu erfassen. Die Kinder sollen einen von der Lehrkraft ausgeteilten Lückentext so schnell – aber auch so genau wie möglich – still lesen. An verschiedenen Stellen des Textes sollen die Schülerinnen und Schüler aus drei Wörtern die Antwort auswählen, die inhaltlich zum Gelesenen passt. Wenn sie den Text fertig gelesen haben, drehen sie ihr Textblatt um und notieren die verstrichene Zeit. Die Lehrkraft zeigt die verstrichene Zeit fortlaufend an einem zuvor an die Tafel gemalten Zeitstrahl an. Das Tool kann in einer Gruppentestung in ca. 20 Minuten mit der gesamten Klasse durchgeführt werden. Für die Auswertung ermittelt die Lehrkraft die pro Minute gelesenen Wörter für jeden Schüler und jede Schülerin.

Letzte inhaltliche Bearbeitung/Prüfung am: 24.05.2020

Welches Ziel hat das Tool?

Das Tool Lückentexte ist ein Diagnostik-Tool zur Erfassung der Leseflüssigkeit von Schülerinnen und Schülern der 2. bis 10. Klasse, welches in den Modulen P3 „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit und ihrer Voraussetzungen“ und S1 „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit“ genutzt werden kann.

Für welches Vorhaben kann das Tool eingesetzt werden?

Das Tool Lückentexte kann unterrichtsintegriert in der Primar- und Sekundarstufe bei Schülerinnen und Schülern der Klassen 2 bis 10 eingesetzt werden, um als informelles Screening die Leseflüssigkeit anhand der Lesegeschwindigkeit zu ermitteln. Da für das Tool keine Normwerte im Sinne eines standardisierten Testverfahrens vorliegen, kann es als pragmatische Unterstützung bei der Einschätzung der Lesegeschwindigkeit dienen. Es kann helfen, Kinder mit einem Förderbedarf in der Leseflüssigkeit zu entdecken. Mehrsprachigkeit wird in dem Tool nicht berücksichtigt.

Wie funktioniert das Tool?

Zur Durchführung des Tools Lückentexte zeichnet die Lehrkraft zunächst einen Zeitstrahl an die Tafel. Die Start- und Endpunkte für den Zeitstrahl basieren auf der Erfahrung mit der jeweiligen Klasse und hängen von der Klassenstufe und der Anzahl der Wörter des ausgewählten Textes ab. Als Startpunkt für den Zeitstrahl sollte die Lehrkraft eine Sekundenzahl wählen, die ein schneller Leser oder eine schnelle Leserin bei dem ausgewählten Text gerade noch schaffen könnte. Der Endpunkt des Zeitstrahls soll so gewählt sein, dass er der Sekundenzahl entspricht, die ein langsamer Leser oder eine langsame Leserin höchstens brauchen dürfte. So könnte beispielsweise bei zehnjährigen Kindern bei einem Text mit 400 Wörtern die schnellstmögliche Lesezeit − und somit der Startpunkt des Zeitstrahls − bei 60 Sekunden liegen, die langsamste Lesezeit und somit der Endpunkt des Zeitstrahls bei 480 Sekunden (vgl. Rosebrock, Nix, Rieckmann & Gold, 2013, Kpt. 4.3.1).

Nach der Vorbereitung des Zeitstrahls teilt die Lehrkraft Kopien eines Lückentextes an alle Kinder bzw. Jugendlichen einer Klasse aus, die zunächst mit der Rückseite nach oben auf den Tisch gelegt werden, damit alle gleichzeitig auf ein Signal hin mit der Bearbeitung starten können. Die Lehrkraft instruiert die Kinder und Jugendlichen, so schnell – aber auch so genau wie möglich – still zu lesen und bei im Text auftretenden Lücken anzukreuzen, welches von drei zur Auswahl stehenden Wörtern zu dem Gelesenen passt. Den Kindern bzw. Jugendlichen wird erklärt, dass es zwar auf schnelles Lesen ankommt, dass jedoch das Verstehen das Wichtigste ist und Fehler beim Ankreuzen die erzielte Lesezeit herabsetzen. Beim Ankreuzen eines falschen Wortes werden jeweils 30 Sekunden zur eigentlich erreichten Lesezeit dazu addiert.

Sind die Schülerinnen und Schüler mit dem Lesen fertig, drehen sie ihr Blatt um und notieren auf ihrem Blatt die Sekundenzahl, welche die Lehrkraft zu diesem Zeitpunkt auf dem Zeitstrahl an der Tafel anzeigt. Haben alle Kinder den Text durchgelesen, tauschen sie ihr Blatt entweder mit dem Sitznachbarn oder die Lehrkraft sammelt die Blätter ein. Dann wird geprüft, ob alle Lücken korrekt angekreuzt wurden und wie viele Ankreuzfehler vorliegen, um ggfs. für jeden Fehler 30 Sekunden zur notierten Lesezeit hinzu zu addieren. Als Leistungswert ermittelt die Lehrkraft die Anzahl der gelesenen Wörter pro Minute. Kommen fertige Lückentexte aus dem Buch von Rosebrock et al. (2013) zum Einsatz, die dem Buch als Kopiervorlagen auf einer CD beiliegen, kann dieser Leistungswert sehr einfach abgelesen werden, da auf den Blättern eine Tabelle mit der benötigten Lesezeit und dem zugehörigen Wert „Wörter pro Minute“ aufgedruckt ist. Rosebrock et al. (2013) geben auch Hinweise, wie eine Lehrkraft einen eigenen Text als Lückentext aufbereiten kann. Ermittelt wird der Leistungswert dann als „Anzahl der Wörter im Text mal 60“ geteilt durch „Anzahl benötigter Sekunden“.

Was wird benötigt, um das Tool umzusetzen?

Material: Ein für die Klassenstufe geeigneter Text, der als Lückentext aufbereitet wird, oder fertige Lückentexte aus dem Buch von Rosebrock, Nix, Rieckmann und Gold (2013): „Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe“ (s. Zugänglichkeit). Das Buch enthält 12 Lückentexte unterschiedlicher Schwierigkeit auf einer beiliegenden CD als Kopiervorlage. Außerdem wird eine digitale Stoppuhr benötigt.

Schulung/Fortbildung: Das Verfahren ist selbsterklärend.

Kosten: Das Buch „Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe“ von Rosebrock et al. kostet 29,95 Euro. Eigene Lückentexte können kostenneutral erstellt werden.

Personelle Ressourcen: Die Durchführung erfolgt unterrichtsintegriert durch eine Lehrkraft.

Dauer der Durchführung/Auswertung: Durchführung etwa 15-20 Minuten, Auswertung etwa 25 Minuten.

Zugänglichkeit: Das Buch von Rosebrock et al. (2013) ist im Buchhandel erhältlich: ISBN-10: 3780010739.

Wie ist das Tool a) theoretisch b) empirisch fundiert?

a) theoretische Fundierung

Das Tool Lückentexte wurde in einem interdisziplinären Forschungsprojekt (Germanistik/Literaturdidaktik und pädagogische Psychologie) zur Leseflüssigkeit an der Universität in Frankfurt am Main entwickelt und 2011 von Cornelia Rosebrock, Daniel Nix, Carola Rieckmann und Andreas Gold in einem Materialband publiziert. Es ist inzwischen in zweiter Auflage (2013) erschienen. Die (Weiter-)Entwicklung der Lückentexte geht auf Arbeiten von Richard Bamberger zurück, der im Rahmen seiner „Lese-Lern-Olympiade“ bereits in den 1970er Jahren Lückentexte benutzte, um Verbesserungen der Lesegeschwindigkeit festzustellen (vgl. Bamberger, 2000). In Lückentexten wird die Lesegeschwindigkeit als Indikator der Leseflüssigkeit angesehen, die wiederum eine zentrale Voraussetzung für das Leseverstehen ist. Grundlage für diese Annahme bildet das didaktische Modell der Lesekompetenz von Rosebrock und Nix (2008). Dieses Modell unterscheidet interagierende Ebenen, deren Zusammenspiel Lesekompetenz ermöglicht. Eine dieser Ebenen ist die Prozessebene, zu der u.a. die Wort- und Satzidentifikation gehören. Bei einer geringen Leseflüssigkeit sind die Prozesse der Wort- und Satzidentifikation nicht genügend automatisiert und benötigen zu viele Ressourcen. Diese Ressourcen können dann nicht für höhere Verstehensprozesse genutzt werden (globales Textverständnis).

b) empirische Fundierung

Lückentexte können zwar als ökonomisches Screening unterstützende Informationen zur Leseflüssigkeit der Schülerinnen und Schüler einer Klasse liefern. Das Verfahren ist jedoch nicht normiert. Im Hinblick auf die Validität muss der Anteil motorischer Fertigkeiten an den Ergebnissen hinterfragt werden, da die Zeit für das Ankreuzen mit in die Ermittlung der Lesezeit einfließt (beim Ankreuzen ist jedoch nicht die Lesegeschwindigkeit, sondern die Motorik entscheidend). Darüber hinaus ist es zwar im Hinblick auf ein genaues Lesen sinnvoll, „Strafsekunden“ bei falschen Antworten zu vergeben – die Setzung von 30 Sekunden ist jedoch relativ willkürlich.

Im Hinblick auf die Objektivität ist es kritisch einzuschätzen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Zeit selbst notieren und die Ergebnisse somit verfälschen könnten. Auch gibt es keine standardisierten Instruktionen für die Durchführung der Lückentexte. Die Auswertung kann entweder durch die Lehrkraft oder Sitznachbarn erfolgen, was die Auswertungsobjektivität einschränkt.

Rosebrock et al. (2013) geben zwar den Hinweis, dass in einem Text mit 200 bis 300 Wörtern mindestens vier Lücken im Text vorkommen sollten und der zum Text passende Begriff aus den Alternativen immer leicht und eindeutig zu erkennen sein sollte (vgl. Rosebrock et al., 2013, S. 107, Abb. 26). Beim Generieren eigener Lückentexte bleibt jedoch relativ frei gestellt, wie viele Wörter bei welcher Textlänge ersetzt werden. Auch ist die Wahl der möglichen Alternativen individuell gestaltbar, was die Objektivität ebenfalls einschränkt.

Mit welchen anderen Tools ist dieses Tool kombinierbar?

Lautleseverfahren (repeated reading; wiederholtes Lautlesen; chorisches Lesen)

Lautleseprotokoll

Lautlesetandem

Kombinierbar mit Material aus den Verbünden:

Bestandsaufnahme der schulischen Leseförderpraxis mit Hilfe der „Checkliste“

Alter: 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13; 14; 15

Klassenstufe: 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10

Verbünde, die dieses Tool nutzen:

Literaturhinweise

Bamberger, R. (2000). Erfolgreiche Leseerziehung in Theorie und Praxis. Mit besonderer Berücksichtigung des Projektes „Leistungs- und Motivationssteigerung im Lesen und Lernen unter dem Motto Lese- und Lernolympiade“. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH.

Rosebrock, C. & Nix, D. (2008). Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH.

Rosebrock, C., Nix, D., Rieckmann, C. Gold, A. (2011). Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe. Seelze: Klett/Kallmayer.

Rosebrock, C., Nix, D., Rieckmann, C. Gold, A. (2013). Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe. 2. Auflage. Seelze: Klett/Kallmayer.

Hinweis:
Bei den hier aufgeführten Verfahren handelt es sich keineswegs um eine erschöpfende Bewertung aller in BiSS verwendeten Verfahren oder gar sämtlicher verfügbarer Verfahren, sondern um einen VORLÄUFIGEN Stand, der diagnostische Tools berücksichtigt. Eine kriteriale Empfehlungsgrundlage für Förder-Tools wurde ebenfalls im Trägerkonsortium erarbeitet und ist in den Tabellen Qualitätscheck der Förderkonzepte und Förderinstrumente einsehbar.

Letzte Änderung am: 26.02.2021