Nachhaltige Wortschatzentwicklung (robust vocabulary instruction)

FörderkonzeptElementarbereichÜbergang Elementar/PrimarstufePrimarstufeÜbergang Primar-/SekundarstufeSekundarstufe

Qualitätscheck als Förder-Tool:
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Zielbereich Altersgruppe Durchführbarkeit Theoretische Fundierung Wirksamkeit
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Kurzbeschreibung

Preis: 50,00 Euro.

Bei dem Tool Nachhaltige Wortschatzentwicklung (im Original: robust vocabulary instruction) handelt es sich um ein Konzept zur systematischen Förderung des Wortschatzes bei ein- und mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen. Das Konzept wird in dem englischsprachigen Buch „Bringing Words To Life. Robust Vocabulary Instruction“ beschrieben. Es eignet sich zum Einsatz in allen Klassen und Schulformen und kann darüber hinaus auch im Elementarbereich eingesetzt werden. Das Tool beschreibt mehrere Schritte, anhand derer Wörter mit Kindern und Jugendlichen so erarbeitet werden können, dass sie dauerhaft im Gedächtnis gespeichert werden. Das Förderkonzept kann im Rahmen des regulären Deutschunterrichts mit allen Schülerinnen und Schülern einer Klasse flexibel in allen Phasen des Unterrichts zur Anwendung kommen. Es eignet sich auch im Kita-Alltag zur alltagsintegrierten Sprachbildung und zur additiven Sprachförderung.

Welches Ziel hat das Tool?

Das Förderkonzept Nachhaltige Wortschatzentwicklung dient der Erweiterung des Wortschatzes und richtet sich an Kinder im Elementarbereich sowie an Kinder und Jugendliche in allen Klassenstufen und Schulformen der Primar- und Sekundarstufe. Im Rahmen des Konzepts wird in mehreren Schritten erläutert, wie Wortschatz so erweitert werden kann, dass er möglichst dauerhaft im Gedächtnis der Kinder und Jugendlichen verankert wird. Das Tool kann im Rahmen des Kita-Alltags, im regulären Deutschunterricht aber auch in anderen Fächern mit der gesamten Klasse genutzt werden. Im Elementarbereich eignet sich das Tool für den Einsatz in den Modulen E1 „Gezielte alltagsintegrierte Sprachbildung“, E2 „Unterstützung der Sprachentwicklung für Kinder unter 3 Jahren“ und E3 „Intensive Förderung im Bereich sprachlicher Strukturen“. Im Primarbereich kann das Tool in den Modulen P1 „Gezielte sprachliche Bildung in fachlichen und alltäglichen Kontexten“, P2 „Intensive sprachstrukturelle Förderung“, P3 „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit und ihrer Voraussetzungen“ und P4 „Diagnose und Förderung des Leseverständnisses“ verwendet werden. In der Sekundarstufe eignet sich das Tool zum Einsatz in den Modulen S1 „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit“ und S4 „Sprachliche Bildung in fachlichen Kontexten“.

Für welches Vorhaben kann das Tool eingesetzt werden?

Das Tool Nachhaltige Wortschatzentwicklung kann im Kita-Alltag, im Elementarbereich sowie im Rahmen des Deutschunterrichts der Primar- und Sekundarstufe zur Wortschatzförderung eingesetzt werden. Das Förderkonzept dient in erster Linie der Vermittlung sowie der Förderung des Verständnisses von Wörtern. Kinder und Jugendliche arbeiten auf unterschiedliche Weise mit den Wörtern. Sie sollen unbekannte Wörter unter Ausnutzung bestehenden Wissens in einem bekannten Kontext selbstständig erschließen und sich aktiv mit der Bedeutung eines Wortes auseinandersetzen. So soll eine dauerhafte sowie vielseitig verknüpfbare und sprachlich korrekte Verankerung des Wortes im Gedächtnis erreicht werden. Im Tool wird zudem thematisiert, wie geeignete Wörter für die Wortschatzarbeit ausgewählt werden können. Das Tool richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse sowie an alle Kinder im Elementarbereich und kann sowohl für die Förderung einsprachiger als auch mehrsprachiger Kinder genutzt werden.

Wie funktioniert das Tool?

Das Konzept der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung wird in dem Buch „Bringing Words To Life. Robust Vocabulary Instruction“ von Isabel L. Beck, Margaret G. McKeown und Linda Kucan (2002) beschrieben. In diesem Buch werden Strategien und Methoden vermittelt, die zu einer effektiven und nachhaltigen Wortschatzarbeit im Elementar-, Primar- sowie Sekundarbereich beitragen sollen. Daneben werden umfangreiche theoretische Grundlagen sowie Forschungsbefunde zu Wortschatztrainingmethoden skizziert. Weiterhin wird erklärt, wie geeignete Wörter zur Wortschatzarbeit ausgewählt werden können. Das Tool sieht darüber hinaus mehrere Schritte vor, die von der pädagogischen Fachkraft im Rahmen der Wortschatzarbeit angewendet werden können (Beck, McKeown & Kucan, 2008). Werden diese Schritte befolgt, dann sollen neu zu lernende Wörter nachhaltig gespeichert werden. Die einzelnen Schritte werden nachfolgend vorgestellt und am Beispiel des Verbs „überraschen“ erklärt.

Nachdem die pädagogische Fachkraft ein Wort ausgewählt hat, das sie mit Hilfe des Konzepts der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung vermitteln möchte, stellt sie für das Wort im ersten Schritt einen Kontextbezug her. Durch die Einbettung des zu lernenden Wortes in einen sprachlichen und inhaltlichen Zusammenhang wird den Kindern und Jugendlichen direkt die Möglichkeit gegeben, Bezüge und Verknüpfungen zu anderen Wörtern herzustellen. Wenn die zu lernenden Wörter ohnehin zuvor in einem Lesetext oder anderer Form präsentiert wurden, ist der Kontextbezug automatisch vorhanden und kann aufgegriffen werden. Möchte man Kindern und Jugendlichen beispielsweise das Wort „überraschen“ vermitteln, könnte mit der Äußerung „Den ganzen Tag schien die Sonne. Es hat mich überrascht, dass es dann plötzlich regnete“ ein inhaltlicher Kontext hergestellt werden.

Nach der kontextuellen Einbettung des Zielwortes gilt es in einem zweiten Schritt, den Kindern und Jugendlichen dessen allgemeine Bedeutung zu erklären. Dies soll durch die Bereitstellung einer friendly explanation (deutsch: „freundliche Erklärung“) geschehen, die sich von einer klassischen Wörterbuchdefinition unterscheidet: Das Zielwort wird bei der friendly explanation in einen vollständigen Satz eingebaut und so möglichst verständlich erklärt. Für das Wort „überraschen“ könnte die Erklärung wie folgt lauten: „Eine Person kann überrascht sein, wenn etwas nicht so eintritt, wie sie es erwartet hätte“. Durch die Formulierung eines ganzen Satzes sollen abstrakte Definitionen, wie sie für Wörterbücher typisch sind (für „überraschen“ z.B. „unvorbereitet treffen und erstaunt sein“), vermieden werden. Stattdessen sollen fassbare und nachvollziehbare Erklärungen geliefert werden.

Im Anschluss an die Erklärung des Wortes soll in einem dritten Schritt ein weiterer Kontext genannt werden, in dem das Wort auftreten kann. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Lernenden die Bedeutungsvielfalt des Wortes nicht erfassen können und dieses somit einseitig nutzen. Das Verb „überraschen“ kann zum Beispiel nicht nur im oben genannten Kontext zur Formulierung eines unerwarteten Ereignisses verwendet werden, das lediglich Verwunderung auslöst.Es kann zusätzlich zur Beschreibung unerwarteter Freude dienen: „Ihre Freunde überraschten sie mit einer Geburtstagsparty und vielen Geschenken.“

In einem vierten Schritt schafft die pädagogische Fachkraft einen Rahmen, in dem die Lernenden selbst aktiv mit der Wortbedeutung arbeiten und diese weiterentwickeln können. Die Kinder und Jugendlichen sollen in dieser Phase aktiv über Bedeutungen reflektieren und verschiedene Kontexte diskutieren, in welchen das Wort auftreten kann. Dabei können auch eigene Erfahrungen mit einbezogen werden („In welchen Situationen warst du schon überrascht?“, „Hast du schon einmal jemanden überrascht?“). So sollen Wortbedeutungen noch stärker mit dem Vorwissen der Kinder und Jugendlichen verknüpft und somit nachhaltiger gespeichert werden.

Der fünfte und letzte Schritt der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung verweist auf die langfristig angelegte Aufgabe der pädagogischen Fachkraft, das gelernte Wort immer wieder in verschiedenen Kontexten aufzugreifen. Auf diese Weise soll die Ausdifferenzierung von Bedeutungsbeziehungen weiter vorangebracht und das Behalten des neu gelernten Wortes gefördert werden.

Das Konzept zur Nachhaltigen Wortschatzentwicklung kann prinzipiell in verschiedenen Phasen des Unterrichts sowie im Kita-Alltag im Elementarbereich flexibel angewendet werden. Um zu Beginn der Förderung einen Eindruck davon zu bekommen, wie groß der Wortschatz der Lernenden ist, können den Autorinnen zufolge verschiedene Wortschatztests oder Testverfahren verwendet werden, die in Subtests den Wortschatz mit erfassen. Zur Kontrolle des Lernerfolgs empfehlen die Autorinnen das Erstellen kurzer Fragebögen, anhand derer das Verständnis der gelernten Wörter überprüft werden kann (zur Konstruktion solcher Fragebögen siehe Beck, McKeown & Kucan, 2008).

Was wird benötigt, um das Tool umzusetzen?

Material: Zur Durchführung wird das Buch „Bringing Words To Life. Robust Vocabulary Instruction“ von Isabel L. Beck, Margaret G. McKeown und Linda Kucan (2002) benötigt (s. Zugänglichkeit). In diesem Buch sowie im ergänzenden Werk „Creating Robust Vocabulary. Frequently Asked Questions & Extended Examples“ (s. Zugänglichkeit) werden pädagogische Fachkräfte über die Methode der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung informiert. Hier erfahren sie, wie geeignete Wörter zur Vermittlung ausgewählt werden können und wie die didaktische Umsetzung konkret erfolgen kann. Beide Bücher können bislang ausschließlich in englischer Sprache erworben werden.

Schulung: Die Bücher sind verständlich geschrieben und erfordern keine tiefergehenden Vorkenntnisse, allerdings eine selbständige Auseinandersetzung mit den Inhalten. Dabei ist zu beachten, dass die Bücher bislang nur in englischer Sprache vorliegen und deshalb ein gutes englischsprachiges Niveau der Anwenderinnen und Anwender voraussetzen.

Kosten: Beide Bücher können für etwa 25 Euro erworben werden. Weitere Materialien werden nicht benötigt.

Zugänglichkeit: Beide Bücher können im Buchhandel bestellt werden: ISBN 978-1462508167 („Bringing Words To Life. Robust Vocabulary Instruction“) sowie ISBN 978-1593857530 („Creating Robust Vocabulary. Frequently Asked Questions & Extended Examples“).

Wie ist das Tool a) theoretisch b) empirisch fundiert?

a) theoretische Fundierung

Das Konzept der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung (im Original: robust vocabulary instruction) wurde von Dr. Isabel L. Beck, Dr. Margaret G. McKeown und Dr. Linda Kucan, Professorinnen für Bildung und Erziehung an der Universität Pittsburgh, entwickelt.

Für die Autorinnen ist beim Wortschatzerwerb insbesondere das Speichern von vielfältigen Wortbedeutungen sowie Bedeutungsbeziehungen relevant, die mit dem Wort verbunden sind. Ausgangspunkt der Überlegungen der Autorinnen zur Erstellung eines Konzepts zur Wortschatzförderung bildete die Tatsache, dass ein komplexer Wortschatz Schülerinnen und Schülern zum Beispiel das Verstehen von Texten erleichtert (Snow, Tabors, Nicholson und Kurland 1995). Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass die Größe des Wortschatzes von Kindern im Kindergartenalter auch Einfluss auf das spätere Leseverständnis hat (z.B. Catts, Fey, Zhang, Tomblin, 1999). Aufbauend auf diesen Erkenntnissen entwickelten die Autorinnen ein umfassendes Konzept zur Wortschatzförderung. Ihr Konzept basiert auf Forschungsergebnissen verschiedener Studien, die Methoden zur Wortschatzvermittlung auf ihre Wirksamkeit hin untersuchten (z.B. Beck, Perfetti & McKeown, 1982; Margostein et al., 1982). So ist Wortschatzförderung zum Beispiel dann wirksam, wenn Kinder und Jugendliche Wörter häufig und in verschiedenen Kontexten hören, sowohl definitorische als auch kontextuelle Informationen zum Wort erhalten sowie aktiv mit den neuen Wörtern arbeiten, indem sie beispielsweise Assoziationen zu bereits bekannten Wortbedeutungen herstellen (vgl. z.B. semantic mapping, Margostein et al., 1982). Die theoretische Fundierung des Konzepts ist somit gegeben.

b) empirische Fundierung

Bislang liegen keine Studien vor, die die Wirksamkeit des Konzepts der Nachhaltigen Wortschatzentwicklung als Ganzes bestätigen. Folglich ist unklar, ob die Konzentration auf die im Konzept skizzierten Schritte und deren Anwendung in der von den Autorinnen empfohlenen Reihenfolge zu besonders großen Lernerfolgen bei den Lernenden führt. Die Effekte einiger im Konzept enthaltener Maßnahmen wurden jedoch bestätigt: So konnte gezeigt werden, dass eine kontextuelle Einbettung von neuem Vokabular für dessen nachhaltige Speicherung wirksamer ist als eine Vermittlung von Vokabular ohne die Verknüpfung mit einem Kontext (Bolger, Balass, Landen, Perfetti, 2008). Auch die Tatsache, dass eine häufigere Präsentation von Wörtern in verschiedenen Kontexten zu höheren Behaltensleistungen führt, wird durch verschiedene Studien belegt (Mezynski, 1983; Beck & McKeown, 2007).

Alter: 0; 1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13; 14; 15; 16; 17

Klassenstufe: Kita; 1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; Sek II

Verbünde, die dieses Tool nutzen:

Links:

Präsentation der Autorinnen zur Frage, welche Wörter für die Wortschatzarbeit ausgewählt werden könnten:
https://www.centralriversaea.org/wp-content/uploads/2017/04/which_words_to_teach-checked.pdf [31.01.2020]

Beschreibung des Buches „Bringing Words To Life“ mit einer Kurzzusammenfassung der Kapitel:
https://bep.education/wp-content/uploads/2018/09/Bringing-Words-to-Life-Booklet.pdf [31.01.2020]

Literaturhinweise

Beck, I. L. & McKeown, M. G. (2007). Increasing young low-income children’s oral vocabulary repertoires through rich and focused instruction. Elementary School Journal, 107(3), S. 251-271.

Beck, I. L., McKeown, M. G. & Kucan, (2002). Bringing words to life: Robust vocabulary instruction. New York: Guilford Press.

Beck, I. L., McKeown, M. G. & Kucan, (2008). Creating robust vocabulary. Frequently Asked Questions & Extended Examples. New York: Guilford Press.

Beck, I. L., Perfetti, C. A. & McKeown, M. G. (1982). Effects of long-term vocabulary instruction on lexical access and reading comprehension. Journal of Educational Psychology, 74(4), S. 506-521.

Bolger, D. J., Balass, M., Landen, E. & Perfetti, C. A. (2008). Contextual variation and definitions in learning the meaning of words. Discourse Processes, 45, S. 122-159.

Catts, H. W., Fey, M. E., Zhang, X. & Tomblin, B. (1999). Language basis of reading and reading disabilities: Evidence from a longitudinal investigation. Scientific Studies of Reading, 3(4), S. 331-361.

Margostein, C. M., Pascarella, E. T. & Pflaum, S. W. (1982, April). The effects of instruction using semantic mapping on vocabulary and comprehension. Paper presented at the annual meeting of the American Educational Research Association, New York.

Mezynski, K. (1983). Issues concerning the acquisition of knowledge: Effects if vocabulary training on reading comprehension. Review of Educational Research, 53, S. 253-279.

Snow, C. E., Tabors, P. O., Nicholson, P. A. & Kurland, B. F. (1995). SHELL: Oral language and early literacy skills in kindergarten and first-grade children. Journal of Research in Childhood Education, 10, S. 37-47.

Letzte Änderung am: 15.02.2022