Was Kinder in den ersten Lebensjahren lernen, prägt ihren Bildungsweg. Die Initiative BiSS und ihre Nachfolgerin BiSS-Transfer setzen sich daher seit Jahren dafür ein, die sprachliche Bildung von Kindern schon in der Kita zu stärken und pädagogische Fachkräfte mit gezielten Fortbildungen zu unterstützen. Marlen Wendland, Content-Entwicklerin im BiSS-Team, erklärt, welche Qualifizierungsangebote BiSS für die sprachliche Bildungsarbeit mit Vorschulkindern bereitstellt und wie sprachliche Bildung in der Kita mit anderen Bildungsbereichen sinnvoll verknüpft werden kann.
Marlen Wendland BiSS stellt hierfür ein breites bundesweit zugängliches Fortbildungsangebot zur Verfügung – und unterstützt darüber hinaus mit weiteren Angeboten, wie beispielsweise einer Tool-Datenbank oder verschiedenen Broschüren und Handreichungen. Ziel von BiSS ist es, Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung durchgängig zu fördern, das heißt: von der Kita bis zum Ende der Schulzeit. BiSS bietet daher sowohl Fortbildungen speziell für pädagogische Fachkräfte an als auch etappenübergreifende Angebote, in denen sie sich gemeinsam mit Lehrkräften fortbilden und austauschen können.
Marlen Wendland Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen hat sich BiSS seit Jahren auf den Bereich der sprachlichen Bildung konzentriert, bringt also eine große Expertise mit. Vertrauen schafft dabei sicherlich auch, dass es sich nicht um ein kommerzielles Fortbildungsangebot handelt, sondern eine Forschungseinrichtung dahintersteht – in unserem Fall das Mercator-Institut der Universität zu Köln. Denn das bedeutet: Die Inhalte sind wissenschaftlich geprüft. Pädagogische Fachkräfte können sich also darauf verlassen, dass die Fortbildungen fundiert und evaluiert sind. Andere Angebote sind oft breiter aufgestellt und behandeln das Thema der sprachlichen Bildung häufig oberflächlich, neben vielen anderen Themen.
Im Rahmen von BiSS konzentrieren wir unsere Forschung und Entwicklung seit Jahren auf die sprachliche Bildung und bieten in diesem Bereich ein umfassendes deutschlandweit verfügbares Angebot. Acht Bundesländer nutzen die BiSS-Fortbildungsplattform, um ihre Fachkräfte für die sprachliche Bildung im Elementarbereich zu qualifizieren. Einige davon setzen die BiSS-Fortbildungen flächendeckend ein. Das heißt: Pädagogische Fachkräfte werden einheitlich und systematisch fortgebildet. Ein großer Gewinn für eine nachhaltige und durchgängige sprachliche Bildung.
„Die Inhalte sind wissenschaftlich geprüft. Pädagogische Fachkräfte können sich also darauf verlassen, dass die Fortbildungen fundiert und evaluiert sind.“
Marlen Wendland Ein großer Vorteil ist die Flexibilität, die das Blended-Learning (BL) bietet. Dadurch sind die BiSS-Fortbildungen sehr gut mit dem Beruf vereinbar. Denn es gibt die reinen E-Learning-Phasen, die die Teilnehmenden genau dann durchlaufen können, wenn sie dafür Zeit haben. Und es gibt begleitende Online-Meetings und Präsenztreffen, die meist nachmittags oder abends stattfinden. Denn das ist uns ganz wichtig: Die BiSS-Fortbildungen basieren nicht auf reinem E-Learning, bei dem die pädagogischen Fachkräfte quasi allein vor dem PC sitzen und ihre Lerneinheiten oder Module durchklicken, sondern es ist ein begleitetes Lernen. Begleitet von uns als BiSS-Support-Team sowie von ausgebildeten Fortbildenden oder Tutorinnen und Tutoren.
Je nach Bedarf können pädagogische Fachkräfte dabei zwischen kurzen oder längerfristig angelegten Qualifizierungen wählen. Sogenannte Learning Nuggets, also kurze Lerneinheiten, werden heutzutage ja häufig angeboten, aber man sollte sich dabei bewusst machen, dass Fortbildungen wesentlich wirksamer sind, wenn sie langfristig gestaltet sind und Inhalte vertieft werden können. Auch wenn Teilnehmende die Möglichkeit haben, Lerneinheiten innerhalb weniger Wochen zu absolvieren, so sind die BiSS-Fortbildungen generell auf Langfristigkeit und sehr guten Praxistransfer angelegt.
Marlen Wendland Ja, Praxistransfer bedeutet, dass die Teilnehmenden die erlernten und erarbeiteten Inhalte direkt in ihren eigenen Einrichtungen ausprobieren und im besten Fall implementieren können. Die Nähe zum Kita- und Schulalltag ist uns bei der Gestaltung der Fortbildungen sehr wichtig. Daher ist auch der Austausch mit der Lerngruppe via Online- oder Präsenzveranstaltung ein zentraler Bestandteil der BiSS-Fortbildungen. Denn so können die Teilnehmenden Erfahrungen und wichtige Impulse teilen, wenn sie beispielsweise eine Methode in ihrer Kita angewendet haben.
Marlen Wendland Klar ist: Eine gute Sprachkompetenz erleichtert den Zugang zu Bildung, stärkt die gesellschaftliche Teilhabe und fördert die Identität. Dabei ist die sprachliche Bildungsarbeit umso wirksamer, je früher sie ansetzt, wie wissenschaftliche Studien zeigen. Also nicht erst in der Grundschule oder in anderen Bildungsetappen, sondern bereits im Elementarbereich. Die BiSS-Fortbildungen fokussieren dabei auf den alltagsintegrierten Ansatz. Das heißt: Wir setzen nicht den Schwerpunkt auf additive Sprachförderkonzepte, bei denen Kinder abseits des regulären Kita-Alltags gezielte Fördermaßnahmen erhalten. Sondern: In den BiSS-Fortbildungen geht es sehr viel darum, ganzheitlich zu denken, also alle Kinder in ihrem Alltag natürlich sprachlich zu fördern und dabei all ihre sprachlichen Ressourcen mit einzubeziehen.
„Erzieherinnen und Erzieher können über Tiere oder Pflanzen sprechen und Kinder dazu motivieren, Ideen zu formulieren, über konkrete Wörter nachzudenken und mit anderen Kindern Lösungen zu finden. Das stärkt gleichzeitig ihre sprachlichen Fähigkeiten.“
Marlen Wendland
Marlen Wendland Die Auswahl an Lerneinheiten ist breit gefächert, einen guten Überblick bieten die BiSS-Kursbroschüre oder die BL-Themensuche. Beispielsweise gibt es in den Kursen „Sprache im Alltag und im Fach“ oder in „Allgemeine Grundlagen Sprachlicher Bildung“ Angebote zu Themen wie „Grundlagen der Sprachdiagnostik“, „Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ oder „Übergang Kita – Grundschule“. Dabei kann eine Erzieherin dann beispielsweise ihr Wissen dahingehend erweitern, wie denn eigentlich der Spracherwerb bei Kindern funktioniert. Oder ein Erzieher lernt, wie er die sprachliche Bildungsarbeit mit anderen Bildungsbereichen, etwa musikalischer Bildung oder nachhaltigem Denken und Handeln, sinnvoll verknüpfen kann. In den BiSS-Fortbildungen entwickeln Teilnehmende eine sprachsensible Grundhaltung und lernen Methoden kennen, sprachbildende Maßnahmen alltagsintegriert in der Kita umzusetzen. Kinder mit all ihren sprachlichen Ressourcen wertzuschätzen und diese im Alltag einzubeziehen, kann einen maßgeblichen Unterschied für ihren weiteren Lebensweg machen.
Marlen Wendland Zum Beispiel lässt sich sprachliche Bildung sehr gut mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung verknüpfen. Erzieherinnen und Erzieher können über Tiere oder Pflanzen sprechen und Kinder dazu motivieren, Ideen zu formulieren, über konkrete Wörter nachzudenken und mit anderen Kindern Lösungen zu finden. Das stärkt gleichzeitig ihre sprachlichen Fähigkeiten. Auch die Verbindung mit Musik bietet schöne Gelegenheiten, um mit Hilfe von Liedern oder Lauten Sätze oder Wörter in den Köpfen zu verankern, musikalische Früherziehung zu fördern und auch Mehrsprachigkeit mit einzubeziehen. Die BiSS-BL-Einheiten „Sprachliche Bildung in den Bildungsbereichen“ und „Sprachbildung in der Praxis“ zeigen hierzu viele schöne Praxisbeispiele.
Marlen Wendland Das ist je nach Themenschwerpunkt unterschiedlich. Oft gibt es erstmal eine Einführung, beispielsweise durch eine Reflexion oder durch Praxisbeispiele. Dabei geht es darum, das Vorwissen zu aktivieren. Dann werden die Teilnehmenden anhand einer Geschichte durch die Einheit geführt. Sie werden von Avataren begleitet, die als Identifikationsfiguren dienen. Authentische Situationen aus dem pädagogischen Alltag werden etwa durch Video- oder Audiomaterial veranschaulicht. Wir legen sehr viel Wert auf adaptive Lernwege und stellen je nach Interesse und Vorwissen der Teilnehmenden unterschiedliche Klickwege zur Verfügung. Dazu gibt es immer auch hilfreiches Begleitmaterial in Form von Arbeitsblättern, Transkripten, Methodenhandbüchern oder Hinweisen zu weiterführenden Informationen. Durch konkrete Aufgaben werden Inhalte zudem wiederholt und gefestigt.
Marlen Wendland Viele Lerneinheiten befassen sich mit konkreten Methoden, es gibt aber auch Trainings zur Sprachdiagnostik im frühkindlichen Bereich. Dort werden dann konkrete Diagnostik-Tools vorgestellt, die pädagogische Fachkräfte in der Kita einsetzen können. Ein Beispiel ist das Tool „Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern in Kindertageseinrichtungen“ – kurz SISMIK. Hierzu bekommen die Teilnehmenden dann konkrete Durchführungshilfen, um das Beobachtungsverfahren sinnvoll anwenden zu können.
Marlen Wendland Wir prüfen regelmäßig Lerneinheiten und bringen diese auf den neuesten wissenschaftlichen Stand. Das heißt: Wir beziehen neue Studien und Erkenntnisse mit ein und nehmen inhaltliche Aktualisierungen vor. Wenn nötig passen wir aber auch mediendidaktisch, rechtlich und grafisch an. Beispielsweise legen wir viel Wert auf diverse Bildsprache und schauen, wo wir adaptive Lernwege ausbauen können. Auch das Thema „Translanguaging“, sprich die Einbeziehung mehrsprachiger Kompetenzen, möchten wir weiter ausbauen. Wir machen uns aber auch Gedanken, wie wir den Workload der Teilnehmenden reduzieren können und wie Inhalte noch besser in den Beruf integrierbar sind. Also neue Anwendungsbeispiele, vielleicht auch noch mal neue Methoden und neue Beispiele aus der Praxis mit einzubeziehen. Hierfür nutzen wir breit angelegte Evaluationen. Beispielsweise nahmen kürzlich die an BiSS teilnehmenden Kitas in Bayern an einer solchen Erhebung teil. Sie haben unsere Einheiten eingesetzt und konnten daher direkt aus der Praxis berichten. Solche Rückmeldungen waren sehr wertvoll, um unser Fortbildungsangebot fortlaufend weiter optimieren zu können.
Marlen Wendland Wir verweisen immer auf die Ansprechpersonen im Bundesland. Es gibt eine Liste auf der BiSS-Webseite, dort finden sich die zuständigen Tutorinnen und Tutoren des jeweiligen Landes, die vom BiSS-Team entsprechend ausgebildet wurden. Interessierte können sich auch an die BiSS-Landeskoordinatorinnen und Landeskoordinatoren wenden. Über diese Kontakte erhalten sie dann eine Auskunft über aktuell laufenden Fortbildungen im Bundesland.
Marlen Wendland Ja, BiSS bietet unterschiedliche Serviceleistungen an. Eine sehr gute Orientierung in der manchmal unübersichtlichen Welt der Sprachdiagnostik und Sprachförderung bietet die BiSS-Tool-Datenbank. Rund 130 Diagnostik- und Fördertools sind dort beschrieben, wissenschaftlich geprüft und mit einem Qualitätscheck versehen. Über eine Filterfunktion lassen sich für den Elementarbereich passende Instrumente einfach finden. Für den Kita-Bereich stehen in der Tool-Datenbank mehr als 50 Qualitätschecks zur Verfügung. Das schafft eine gute Transparenz darüber, wann welche Maßnahmen sinnvoll sein können.
Außerdem stellt BiSS unterschiedliche Broschüren und Handreichungen bereit, die auch Themenbereiche für den Elementarbereich abdecken. Beispielsweise erläutert eine Broschüre die Methode „Gesprächstisch“, die Kindern dabei hilft, sich über Themen, die sie im Alltag beschäftigen, auszutauschen. Pädagogische Fachkräfte können den Gesprächstisch nutzen, um Kinder alltagsintegriert sprachlich zu fördern. Eine weitere Broschüre informiert über Strukturierungshilfen, die Kindern in Kita und Grundschule beim mündlichen Präsentieren helfen. Ein Leitfaden für den Erstkontakt gibt Pädagoginnen und Pädagogen einen Fragebogen für das Erstgespräch mit neu zugewanderten Kindern an die Hand. Hinzu kommen Handreichungen, die beispielsweise konkrete Fördermaßnahmen erläutern, um Kindern den Übergang zur Schule sprachlich zu erleichtern. Diese Publikationen stehen zum Download auf der BiSS-Webseite zur Verfügung, können aber auch über den wbv-Shop als gedruckte Version bestellt werden.