Cedric Lawida ist Wissenschaftler am Mercator-Institut und Mitgestalter des Methodenpools: „Der Methodenpool soll Lehrkräften ein niedrigschwelliges Angebot bieten, so dass sie schnell und einfach Methoden zum sprachlichen Lernen finden können, die zu ihrem Unterricht passen.“ Bild: Mercator-Institut/M. Hauschild

Seit 2019 gibt es den Methodenpool für sprachsensiblen Unterricht, der in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) entwickelt wurde. 66 Methoden finden sich auf der Webseite des Mercator-Instituts, um die sprachliche Bildung von Kindern und Jugendlichen im Unterricht zu fördern. Der Methodenpool ist frei zugänglich und kann kostenlos genutzt werden. Was leistet das Angebot für Lehrkräfte? Wie funktioniert die Suche nach Unterrichtsmethoden, die das sprachliche Lernen in allen Fächern unterstützen? Und welche digitalen und KI-gestützten Tools eignen sich für den Einsatz in der Schule? Antworten von Cedric Lawida, Wissenschaftler am Mercator-Institut.

Herr Lawida, Sie sind einer der Mitgestalter des Methodenpools. Kurz erklärt: Was genau ist der Methodenpool für sprachsensiblen Unterricht?

Cedric Lawida Der Methodenpool ist eine Online-Sammlung von Unterrichtsmethoden, die sich fächerübergreifend anwenden lassen. Das Ziel dahinter ist es, sprachliches Lernen in allen Fächern zu unterstützen. Das heißt: Jede Methode ist darauf ausgelegt, sprachliche Kompetenzen, die Grundlage für das fachliche Lernen bilden, bei Schüler:innen aufzubauen und weiterzuentwickeln.

Also richtet sich das Angebot an alle Lehrkräfte – sowohl Deutschlehrkräfte als auch Lehrerinnen und Lehrer, die beispielsweise Mathematik oder Geschichte unterrichten?

Cedric Lawida Richtig, die Hauptzielgruppe des Methodenpools sind Lehrkräfte und angehende Lehrkräfte, die ihren Unterricht sprachsensibel gestalten wollen – ganz gleich, in welchem Fach sie unterrichten. Bei einigen Methoden sind dazu auch konkrete Beispiele hinterlegt, etwa zur Umsetzung im Mathematikunterricht oder in einem naturwissenschaftlichen Fach. Aber die meisten Methoden lassen sich im Endeffekt auf viele Fächer transferieren. Darüber hinaus dient der Methodenpool natürlich auch allen anderen Interessierten, die sich für sprachliche Bildung engagieren und die Methoden nutzen möchten.

Für welche Klassen bzw. Jahrgänge eignen sich die Methoden denn, die in dem Online-Angebot dargestellt werden?

Cedric Lawida Der Schwerpunkt der Methoden liegt auf dem sprachlichen Lernen von Klasse 1 bis 13, deckt also alle Schulstufen und Schulformen ab.

„Die Hauptzielgruppe des Methodenpools sind Lehrkräfte und angehende Lehrkräfte, die ihren Unterricht sprachsensibel gestalten wollen – ganz gleich, in welchem Fach sie unterrichten.“

Cedric Lawida
Warum braucht es überhaupt einen solchen Methodenpool? Welche Lücke soll dieses Angebot schließen?

Cedric Lawida Wir wollen Lehrkräften ein niedrigschwelliges Angebot machen, so dass sie schnell und einfach Methoden zum sprachlichen Lernen finden können, die zu ihrem Unterricht passen. Denn zum einen gibt es viele Lehrkräfte, die sprachsensibel unterrichten möchten, aber keine Sprachdidaktiker:innen sind. Zum anderen haben aber auch Lehrkräfte mit sprachdidaktischem Hintergrund nicht immer ein Methodenrepertoire einfach so aus dem Effeff. Der Methodenpool schafft hier also eine enorme Erleichterung in der Unterrichtsvorbereitung. Denn Lehrkräfte erhalten über eine Filterfunktion genau die Methoden angezeigt, die zu ihren Bedarfen passen.

Wenn ich mich als Lehrkraft über den Methodenpool zu geeigneten Sprachbildungsmethoden für meinen Unterricht informieren möchte: Wie gehe ich da vor?

Cedric Lawida Zu finden ist der Methodenpool auf der Webseite des Mercator-Instituts. Dort können Lehrkräfte über die Filterfunktionen dann beispielsweise eingeben, für welche Klassenstufe und welchen Förderbereich sie nach Vorschlägen suchen und wieviel Zeit sie für die Anwendung der Methode haben. Als Förderbereich können sie etwa „zusammenhängend sprechen“, „flüssig schreiben“ oder „hören und verstehen“ auswählen. Auch, ob Gruppen-, Einzel- oder Partnerarbeit gewünscht ist, können die Nutzer:innen angeben. Der Filter grenzt die Methodensammlung dann genau auf die angegebenen Bedarfe ein. So müssen sich Lehrkräfte nicht erst durch einen Wust an Methoden wälzen. Per Klick lassen sich zu jeder Methode dann Handreichungen im PDF-Format herunterladen. Die PDF-Dateien sind unter einer Creative Commons Lizenz freigegeben, die das Kopieren und Teilen der Handreichungen erlaubt.

Warum profitieren gerade Lehramtsstudierende und angehende Lehrkräfte davon?

Cedric Lawida Gerade, wenn man noch nicht so viel fachliche Expertise mitbringt oder nicht viele Methoden kennt, kann die Filterfunktion enorm unterstützen und eine erste Orientierung bieten. Der Methodenpool schafft hier konkret eine Entlastung in der Unterrichtsvorbereitung im Hinblick auf den Cognitive Load, also die kognitive Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses. Die positiven Effekte für angehende Lehrkräfte belegt auch eine Studie, die von Christoph Gantefort und Moritz Sahlender durchgeführt und 2022 veröffentlicht wurde. Dr. Christoph Gantefort ist Wissenschaftler am Mercator-Institut. Er hat auf einem Workshop mit dem DIE einen Prototypen des Methodenpools für die Erwachsenenbildung kennengelernt und daraufhin das Projekt für den sprachsensiblen Unterricht in Schulen initiiert.

Können Sie Beispiele für Sprachhilfen nennen, die im Methodenpool zu finden sind?

Cedric Lawida Beispiele sind das reziproke Lesen oder das persönliche Wörterbuch. Beim reziproken Lesen erarbeiten sich die Schüler:innen in einem kooperativen Format den Inhalt eines Textes. Sie lesen und besprechen den Text abschnittsweise in Gruppen und übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben. Das kann beispielsweise das Klären schwieriger Begriffe oder das Zusammenfassen von Textabschnitten sein, um so das Lesestrategiewissen zu trainieren.

Das persönliche Wörterbuch ist eine besonders einfach anzuwendende Methode, die Lehrkräfte direkt morgen einsetzen könnten, ohne große Vorbereitung. Dabei geht es darum, schwierige Wörter regelmäßig aufzuschreiben und festzuhalten. Das funktioniert allerdings nicht spaltenweise wie in einem Vokabelheft. Die Lernenden nutzen Karteikarten, auf denen sie ein Fachwort in die Mitte schreiben. Drumherum zeichnen sie einen rechteckigen Rahmen, der in vier kleinere Rechtecke unterteilt ist. Diese werden gefüllt mit Bildern, Beispielen, Definitionen, Eigenschaften oder Gegenbeispielen, die die Begriffsbildung unterstützen. Das kann man auch mit einem Tablet umsetzen.

Das Beispiel zeigt wie das persönliche Wörterbuch umgesetzt werden kann. Das persönliche Wörterbuch ist eine Methode für sprachsensiblen Unterricht, die im Methodenpool zu finden ist. Bild: Mercator-Institut (Abbildung nach Giesau, 2019)
Diese Methode lässt sich also auch digital durchführen. Gibt es weitere digitale oder KI-gestützte Methoden?

Cedric Lawida Absolut. Unser Team beim Mercator-Institut entwickelt den Methodenpool kontinuierlich weiter, es kommen stetig neue Ansätze hinzu. Dabei ergänzen wir zum einen bewährte Methoden um digitale Erweiterungen. Das heißt: Wir überlegen uns gemeinsam mit Studierenden in Seminaren: Wie kann eine bislang analoge Methode auch digital funktionieren? Wir untersuchen und entwickeln aber auch ganz neue Möglichkeiten, die sich ausschließlich auf digitale Medien stützen. Dabei geht es uns darum, zu ermitteln, wie digitale Tools das sprachliche Lernen sinnvoll unterstützen können und gleichzeitig die Medienkompetenz von Kindern weiterentwickelt werden kann.

Sie konzentrieren sich also mehr und mehr auf Methoden, die sprachliche und digitale Kompetenzen von Kindern synergetisch stärken?

Cedric Lawida Ja, das ist uns auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen. Ein Beispiel ist das Thema Fake News. Falschinformationen im Internet zu erkennen, ist ein wichtiger Teilbereich der Lesekompetenz. Denn beim Lesen im Internet müssen Kinder und Jugendliche wachsamer sein, um filtern zu können: Was im Internet basiert auf Fakten und was ist frei erfunden? Und wer steckt eigentlich hinter den Fake News? Hierzu bietet der Methodenpool einen Leitfaden an, der von Studierenden entwickelt wurde und den Lehrkräfte kopieren, modifizieren und im Unterricht einsetzen können. Der Leitfaden gibt Schüler:innen Fragen an die Hand, die sie in ihren Leseprozess mitnehmen können.

Ein weiteres Beispiel für eine digitale Methode ist der Kommasetzungs-Coach. Hierbei können Schüler:innen KI als Lerncoach nutzen, um Kommasetzungsregeln zu lernen. Das läuft über einen Megaprompt, den die Lehrkräfte für ihren Unterricht kopieren und anpassen können. Eine weitere neue Methode, die sprachliches und fachliches Lernen mit digitalen Hilfsmitteln unterstützt, sind Escape Rooms.

Warum bieten gerade auch digitale Methoden viel Potenzial für die sprachsensible Unterrichtsgestaltung?

Cedric Lawida Zum einen ändert sich das Anforderungsprofil an Lese- und Schreibprozesse in digitalen Textumgebungen im Vergleich zum „klassischen“ Lesen und Schreiben. Denn: Digitale Texte sind dynamisch, durch Hyperlinks miteinander verknüpft und bieten Interaktionsmöglichkeiten. Es bedarf also digitaler Textsouveränität, wie Prof. Dr. Volker Frederking ausführt. Wenn diese Anforderungen zu Gegenständen der Sprachbildung werden, können wir Kinder und Jugendliche digital fit machen. Diese kompetente Nutzung digitaler Medien steht zum anderen im Zusammenhang mit Vorteilen, die sie für das sprachliche Lernen bieten können: Man kann mit digitalen Texten interagieren, zum Beispiel indem man sie vergrößert, man kann einzelne Wörter oder ganze Texte übersetzen oder über einen Klick weiterführende Informationen in ganz unterschiedlichen Formaten – wie Audio oder Video – bereitstellen. Digitale Texte sind oft multimodal angelegt, bieten also eine Kombination aus Schrift, Bild, Ton und Bewegtbild. Dadurch eröffnen sich viele Differenzierungs- und Individualisierungsmöglichkeiten, wenn diese Merkmale in sprachsensiblen Methoden didaktisch nutzbar gemacht werden. Beispielsweise, wenn eine zugewanderte Schülerin der Schriftsprache noch nicht so mächtig ist, aber Deutsch schon gut versteht, dann kann ihr ein Audio-Format den Zugang zu einem Text erleichtern. Kennen Lehrkräfte also die Lernvoraussetzungen ihrer Schüler:innen, können sie geeignete, gegebenenfalls digitale Methoden zur Unterstützung auswählen.

Das heißt, eine gute Diagnostik sollte die Voraussetzung sein?

Cedric Lawida Absolut. Um Kinder zielgenau fördern zu können, sollte sich die Lehrkraft der sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden bewusst sein, also analysieren: Welche sprachlichen Kompetenzen haben meine Schüler:innen oder wo benötigen sie noch Unterstützung? Das heißt: Die Voraussetzung ist eine vorangehende Sprachdiagnostik, um auf dieser Grundlage die sprachlichen Lernziele ableiten und schließlich die passenden Methoden über den Methodenpool definieren zu können.

Neue Angebote im Methodenpool: digitale und KI-gestützte Methoden für sprachsensiblen Unterricht

Seit 2025 werden sukzessive neue Methoden im Methodenpool für sprachsensible Unterrichtsgestaltung des Mercator-Instituts ergänzt, die gezielt Möglichkeiten und neue Entwicklungen der Digitalität aufgreifen. Dazu gehören:
  • Fake News erkennen
  • Kommasetzungs-Coach
  • Schreibrahmen (digitale Erweiterung)
  • Escape Room

Entwickelt wurden diese von Studierenden im Rahmen von Seminaren von Dr.in Iris Günthner und Cedric Lawida. Die Methoden wurden in der Praxis mit Schülerinnen und Schülern erprobt und optimiert. Außerdem sind Rückmeldungen externer Expertinnen und Experten eingeflossen. Die entstandenen Ergebnisse wurden anschließend unter redaktioneller Unterstützung von Dr. Christoph Gantefort und Cedric Lawida aus dem Mercator-Institut für den Methodenpool aufbereitet.

 

Erfahren Sie mehr zu den neuen digitalgestützten Angeboten im Methodenpool sowie zu neuen praxiserprobten Lerngelegenheiten, die seit 2026 das Angebot in der Online-Datenbank ergänzen.

Nach welchen Kriterien werden die Methoden denn eigentlich ausgewählt und aufbereitet?

Cedric Lawida Viele Methoden sind bereits bekannt und etabliert, also wissenschaftlich fundiert oder praxiserprobt oder sogar beides. Wir haben aber auch viele Neuentwicklungen in unserem Methodenpool, die aus Bedarfen der Praxis heraus entstanden sind. Diese neuen Ansätze wurden von Studierenden entwickelt und zum Teil in mehreren Zyklen in der Praxis erprobt. Die Praxistauglichkeit ist für die Auswahl der Methoden ein wesentliches Kriterium.

Gibt es bereits Pläne für die kommenden Monate oder Jahre?

Cedric Lawida Wir werden weiter am Ball bleiben und aktuelle Entwicklungen der Digitalität im Methodenpool aufgreifen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lawida.
Das Foto zeigt unsere Mitarbeiterin Denise Krell.
Das Interview führte
Denise Krell
Kommunikationsmanagerin der Leitstelle BiSS-Transfer am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
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