Die Schulleitung und zwei Lehrkräfte der Karlschule berichten im BiSS Magazin, wie sie das Schreibtraining an ihrer Schule einsetzen. Die Grundschule wirkt seit vielen Jahren in der Arbeit der BiSS-Akademie NRW mit und ist zugleich auch Startchancen-Schule. Bild: BiSS-Akademie NRW/Peter Liffers
Die Karlschule in Essen führt zum Schuljahr 2026/27 ein neues Schreibförderkonzept ein. Unterstützt und begleitet wird die Grundschule dabei von der BiSS-Akademie NRW. Wie das systematische Schreibtraining im Unterricht umgesetzt wird, mit welchen Materialien die Lehrkräfte arbeiten und wie es gelingt, das gesamte Kollegium für den gemeinsamen Weg zu gewinnen, darüber sprechen die Schulleitung, die Vorsitzende der Fachkonferenz Deutsch und eine Deutschlehrkraft im Interview.
Christiane Gühmann
Frau Gühmann, Sie als Schulleitung haben den Weg dafür frei gemacht, dass Ihre Schule in diesem Schuljahr einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Schreibförderung legt. Warum ist die Stärkung der schriftsprachlichen Kompetenzen von Kindern für Ihre Schule gerade jetzt ein zentrales Thema?
Christiane Gühmann Durch Beobachtungen und diagnostische Verfahren haben wir festgestellt, dass die Schreibkompetenz der Kinder in den vergangenen Jahren stetig abgenommen hat. Ich denke, das ist keine Herausforderung, die nur unsere Schule betrifft. Schreiben ist für viele Schülerinnen und Schüler zu einem immer größeren und schwierigeren Lernfeld geworden. Wir haben also festgestellt, dass hier ein großer Bedarf besteht und wir uns in diesem Bereich gezielt professionalisieren und weiterentwickeln möchten. Als Schulleitung ist es mir sehr wichtig, dass sich die Menschen, die bei uns arbeiten, kontinuierlich professionalisieren können. Die Anbindung an die Initiative BiSS und die BiSS-Akademie hat uns den Entschluss dabei wesentlich einfacher gemacht. Denn aus der Erfahrung der vergangenen Jahre wissen wir, dass wir in BiSS professionell und fachlich fundiert begleitet werden.
Warum ist die Unterstützung durch einen wissenschaftlichen Partner wie BiSS für Sie wichtig?
Christiane Gühmann Mit einem Partner zusammenzuarbeiten, der uns eine wissenschaftliche Expertise zur Verfügung stellt, ist für uns als Schule einfach unabdingbar. Denn wir möchten unsere Schul- und Unterrichtsentwicklung auf Wissen aufbauen, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und erprobt ist. In den vergangenen Jahren haben wir den Bereich Lesen systematisch gestärkt. Hier haben wir bereits intensiv mit der BiSS-Akademie zusammengearbeitet und viele positive Erfahrungen gemacht – sowohl was den Austausch im Netzwerk betrifft als auch bezüglich der Ergebnisse, die wir erzielt haben. Denn wir haben nicht nur im Unterricht, sondern insbesondere auch in den VERA-Vergleichsarbeiten unheimlich positive Effekte festgestellt – also wirklich messbare Erfolge erzielt. Das hat uns motiviert, nun auch die Entwicklung der Schreibkompetenz gezielt anzugehen und dieses Lernfeld systemisch weiterzuentwickeln.
Sie sind ja nicht nur eine BiSS-Schule, sondern auch eine Startchancen-Schule. Wie passt das zu den Zielvorgaben des Startchancen-Programms?
Christiane Gühmann Als Startchancen-Schule sind wir besonders gefordert, Unterrichts- und Schulentwicklung systematisch und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse voranzutreiben. Die Stärkung grundlegender Kompetenzen wie Lesen und Schreiben ist dabei ein zentraler Schwerpunkt des Startchancen-Programms. Daher passt unser Vorhaben perfekt mit unseren Zielvereinbarungen als Startchancen-Schule überein. Eine Win-Win-Situation sozusagen.
Inga Bender
Frau Bender, wie sind Sie als Vorsitzende der Fachkonferenz Deutsch den Entwicklungsprozess in der Schreibförderung konkret angegangen? Was waren die ersten Schritte?
Inga Bender Auf einem Netzwerktreffen der BiSS-Akademie habe ich von dem Blended-Learning-Kurs zur systematischen Förderung von Schreibkompetenz erfahren, den die BiSS-Akademie NRW seit diesem Jahr anbietet. Diese Information habe ich dann in unser Kollegium und unsere Fachkonferenzen hineingetragen. Für uns war klar: Das passt zu unseren Bedarfen und Zielen und wir möchten uns hier weiter professionalisieren. Für das Feld Schreiben hat dies unsere Deutschlehrkraft, Kim Dornfeld, übernommen und Anfang des Jahres eine Qualifizierung an der BiSS-Akademie NRW erfolgreich abgeschlossen. Das hieraus gewonnene Wissen hat sie dann in unser Team und in unsere Fachkonferenzen hineingetragen.
Bilder: BiSS-Akademie NRW/Peter Liffers
Kim Dornfeld
Frau Dornfeld, welche Qualifizierung haben Sie durchlaufen, um die Schreibkompetenzen Ihrer Schülerinnen und Schüler gezielt fördern zu können?
Kim Dornfeld Ich habe den Blended-Learning-Kurs „Systematisches Training der Schreibflüssigkeit und der Schreibstrategien“ der BiSS-Akademie NRW besucht. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Online- und Präsenzlernen. Die Qualifizierung startete mit einem gemeinsamen Auftakttreffen in Dortmund. Dort konnten wir die anderen Teilnehmenden und unsere fachliche Kursbegleitung kennenlernen und uns mit der BiSS-Blended-Learning-Plattform vertraut machen. Auch das Konzept und Materialpaket „Texte meistern“ haben wir bereits auf der Einführungsveranstaltung kennengelernt und die Inhalte in den weiteren Phasen der Qualifizierung durch digitale Übungen und gemeinsame Austauschtreffen vertieft.
Und die Ansätze und Maßnahmen aus der BiSS-Qualifizierung wollen Sie nun zum neuen Schuljahr umsetzen?
Kim Dornfeld Genau. Wir starten jetzt in den dritten Klassen mit der systematischen Förderung der Schreibflüssigkeit auf Basis der Trainingshefte „Texte meistern“. Dabei geht es zunächst darum, die Transkriptionsflüssigkeit, also das Aufschreiben eines Textes, zu trainieren. Im nächsten Schritt arbeiten wir dann gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern an ihrer Formulierungsflüssigkeit, also dem schnellen freien Formulieren. Wenn das automatisiert läuft, können wir mit dem Schreibstrategietraining ansetzen. Dabei bekommen die Schülerinnen und Schüler Werkzeuge an die Hand, die sie bei der Erstellung von Texten unterstützen und die sie für jede Schreibaufgabe einsetzen können – nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern. Das heißt: Es ist wichtig, die Teilfertigkeiten der Kinder stets im Blick zu behalten. Das Materialpaket „Texte meistern“ bietet hierfür – differenziert nach Schreibniveau und unterschiedlichen Voraussetzungen – verschiedene Förderhefte an, mit denen wir uns intensiv befasst haben und die wir nun in diesem Schuljahr im Deutschunterricht einsetzen.
Das setzt natürlich voraus, dass auch Ihre Fachkolleginnen und -kollegen die neuen Schreibfördermaßnahmen umsetzen können. Wie bringen Sie das Wissen ins Kollegium?
Inga Bender Wenn eine Kollegin sich zu einem Thema – wie etwa der Schreibförderung – professionalisiert hat, ist es ihre Aufgabe, dieses Wissen in unser Kollegium zu multiplizieren. Und zwar so, dass alle Deutschlehrkräfte die Inhalte auch umsetzen können. Dazu haben Frau Dornfeld und ich eine Präsentation erstellt, die sowohl dem gesamten Kollegium als auch den Schülerinnen und Schülern die Lernziele und einzelnen Schritte der Schreibfördermaßnahmen erläutert und ihnen zeigt, wie sie mit dem Material arbeiten können. Denn wenn ich einem Klassenlehrer in der Parallelklasse einfach die Trainingshefte in die Hand drücke, wird das im Leben nicht umgesetzt. Die Kommunikation an die Lehrkräfte muss gut vorbereitet werden, damit solche sprachbildenden Maßnahmen auch gelingen können. Wichtig ist es, die Inhalte so zu modellieren, dass diese nicht als zusätzliches Add-on empfunden werden, sondern sich als festen Bestandteil der Unterrichts- und Schulentwicklung etablieren. Dafür gibt es zum Glück die Netzwerktreffen der BiSS-Akademie, wo genau diese Dinge besprochen und konkrete Tipps gegeben werden.
Frau Gühmann, wie kann denn eine Konsensbildung im Kollegium für ein so engagiertes Thema überhaupt gelingen? Schließlich gibt es viele drängende Themen im Schulalltag und Zeit ist immer eine Herausforderung.
Christiane Gühmann Wir haben das Glück, ein wirklich engagiertes Team an unserer Schule zu haben. Menschen, die mit viel Motivation und Weitblick daran arbeiten, die Unterrichtsentwicklung voranzutreiben, nicht stillzustehen, sondern Schule immer wieder positiv zu verändern. Als Leitung ist es mir daher sehr wichtig, dass wir in unserem Team eine gute Transparenz leben und alle wissen, in welche Richtung wir weitergehen. Eine offene Kommunikation ist für uns als Schule unabdingbar. Wir sprechen Themen an und haben eine gesunde Fehlerkultur. Wenn wir uns auf den Weg machen und merken, das war nicht optimal, steuern wir gemeinsam nach. Dazu gehört es natürlich auch, als Schulleitung Zeitfenster zu schaffen für neue Projekte und für die Kolleginnen und Kollegen, die die Unterrichtsentwicklung weiter vorantreiben wollen. Unser Leitbild bei uns an der Schule heißt „zusammen wachsen“. Für uns bedeutet das, die Schülerinnen und Schüler zu stärken und immer wieder zu schauen, was ein Kind, das an der Karlschule lebt und lernt, braucht. Die Bedürfnisse der Kinder und ihre Lernziele stehen im Fokus – dazu braucht es eine Konsensbildung im ganzen Team.
Haben Sie den Eindruck, dass auch Lehrerinnen und Lehrer anderer Fächer wie Mathematik oder Sachkunde von diesen Impulsen mitgerissen werden und ebenfalls sprachsensibler denken und unterrichten?
Christiane Gühmann Ja, auf jeden Fall. Für Fachlehrkräfte ist es genauso wichtig wie für die Klassenleitung. Alle müssen im Sinne der Transparenz mitgenommen werden, um professionalisiert zu werden und genauso gut zu agieren, zu lehren, zu handeln. Ziele können wir nur gemeinsam erreichen.
Wie die Karlschule die Basiskompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler schrittweise fördert:
Die Karlschule ist eine zweizügige Grundschule im Essener Norden mit Sozialindex 7.
220 Schülerinnen und Schüler lernen an der Karlschule.
In der flexiblen Schuleingangsphase werden die Jahrgänge gemischt.
Seit 2014 beteiligt sich die Karlschule an der Initiative BiSS.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Basiskompetenzen.
In der Jahrgangsstufe 3 startete die Schule mit dem Arbeits- und Förderschwerpunkt Lesen und erprobte das Lesetandem.
Gleichzeitig etablierte die Schule ein systematisches Leseflüssigkeitstraining ab der Jahrgangsstufe 2 als festen Bestandteil des Lesekonzepts.
Ab dem Schuljahr 2015/16 baute die Grundschule ihre Leseförderung mit einem Schwerpunkt auf den Bereich Lesestrategien weiter aus.
Die Lesefördermaßnahmen werden seither regelmäßig evaluiert, überarbeitet und optimiert und in das Lesekonzept der Grundschule integriert.
Seit dem Schuljahr 2025/26 baut die Karlschule die Schreibförderung weiter aus und setzt ein neues systematisches Schreibflüssigkeits- und Schreibstrategietraining in ihrem Unterricht ein.
Sie erwähnten bereits die Netzwerkarbeit im Rahmen der BiSS-Akademie NRW als wichtige Stütze ihrer sprachlichen Bildungsarbeit. Welche konkreten Vorteile nehmen Sie hieraus genau mit?
Inga Bender Die BiSS-Akademie bietet uns nicht nur die fachliche Expertise und die Qualifizierungsmöglichkeiten, die wir zur kontinuierlichen Weiterentwicklung thematischer Schwerpunkte brauchen, sondern auch regelmäßige Austauschformate. Wir fungieren mittlerweile als Impulsschule im Netzwerk der BiSS-Akademie. In diesem Zusammenhang übernehme ich die Rolle als Transferkoordinatorin. Das heißt: Ich koordiniere ein Netzwerk der insgesamt 24 Netzwerke der BiSS-Akademie und treffe mich in regelmäßigen Abständen mit Lehrkräften aus anderen Schulen – in ganz NRW. In diesen Treffen geht es nicht nur darum, die Lese- oder Schreibförderung weiterzuentwickeln, sondern auch darum, wahrzunehmen: Wo liegen weitere Bedarfe? Welche Themen beschäftigen die Schulen? Welche Unterstützung brauchen sie? Diese Bedarfe werden dann in die BiSS-Akademie getragen. Gleichzeitig erfahren wir, welche neuen Entwicklungen es in anderen Netzwerken gibt. Es ist also ein ständiger Austausch: von den Schulen in die BiSS-Akademie und von der BiSS-Akademie zurück in die Schulen.
Sie sagten, Sie fungieren als BiSS-Impulsschule – was bedeutet das genau?
Inga Bender Impulsschulen sind Schulen, die bereits langjährig in BiSS und der Folgeinitiative BiSS-Transfer mitarbeiten. Sie setzen sprachbildende Maßnahmen erfolgreich um, teilen ihr Erfahrungswissen aus BiSS mit anderen Schulen des BiSS-Akademie-Netzwerks, setzen Impulse, geben Tipps und stehen auch zur Hospitation zur Verfügung.
„Einfach anfangen und sich trauen! Wenn man nicht anfängt, wird man nie feststellen, wie gewinnbringend gezielte sprachbildende Maßnahmen für den Schulalltag sein können.“
Inga Bender
Was würden Sie denn anderen Schulen empfehlen, die die systematische Förderung von Schreibkompetenzen stärker in ihren Unterricht integrieren möchten?
Inga Bender Einfach anfangen und sich trauen! Wenn man nicht anfängt, wird man nie feststellen, wie gewinnbringend gezielte sprachbildende Maßnahmen für den Schulalltag sein können. Wichtig dabei ist natürlich die Rückendeckung der Schulleitung und des gesamten Teams, damit neue Ansätze auch erfolgreich ins Schulsystem und in die Lernkonzepte etabliert werden können. Aber auch bereits mit zwei oder drei engagierten Menschen, die sich für die sprachliche Bildung stark machen, kann man starten – zum Beispiel erst einmal in einer Klasse oder einer Stufe. Meist resultiert daraus ein Schneeballeffekt. Wenn die Kolleginnen und Kollegen merken, es läuft gut, die Kinder haben Freude daran und es zeigt Wirkung – dann entwickelt es sich weiter. Die Pädagogik ist auch eine Wissenschaft und da darf oder sollte man auch mal neue Wege gehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Einblicke in Entstehung, Ziele und Angebote der BiSS-Akademie NRW bieten Ihnen folgende Beiträge im BiSS Magazin:
Bilder im Beitrag: BiSS-Akademie NRW/Peter Liffers
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