Mareike Ehlert Durch regelmäßiges gezieltes Training lassen sich Lesekompetenzen deutlich verbessern. Das ist wie bei einer sportlichen Fähigkeit: Wer schneller laufen will, muss regelmäßig sprinten üben. Genauso gilt beim Lesen, dass Kinder durch häufiges lautes Vorlesen sicherer und flüssiger werden. Je nach Förderschwerpunkt kann das Training dabei unterschiedliche Ziele verfolgen: Man kann zum Beispiel die Lesegenauigkeit trainieren, die Lesegeschwindigkeit üben oder das Leseverständnis stärker in den Blick nehmen. Programme wie der Lese-Sportler setzen hier an und fördern alle drei Teilkompetenzen systematisch und wissenschaftlich fundiert. Entscheidend ist also: Passgenaue Methoden zu wählen und dranzubleiben!
Mareike Ehlert Einen Überblick darüber, welche Diagnostik- und Förder-Tools es gibt, gewinnt man beispielsweise in der BiSS-Tool-Datenbank. Dort finden sich neben einer Kurzbeschreibung auch Hinweise zur praktischen Umsetzung von Diagnostik- und Förder-Tools. Eine große Hilfe dabei ist, dass die Übersicht auch Hinweise zur theoretischen und empirischen Fundierung enthält. Beispielsweise sind die Tools mit einem Qualitätscheck versehen, um Personen, die Förderkonzepte umsetzen wollen, eine bessere Orientierung zu geben.
Mareike Ehlert Eine nachweislich wirksame Methode zur Förderung der Leseflüssigkeit ist zum Beispiel das wiederholte laute Lesen (Repeated Reading). Studien belegen, dass regelmäßiges lautes Vorlesen die Leseflüssigkeit verbessert und beim Repeated Reading wird genau das getan: In kooperativer partnerschaftlicher Arbeit lesen sich die Kinder gegenseitig laut vor, um die Worterkennung und die Leseflüssigkeit zu stärken. Ein weiteres Beispiel für eine wirksame Methode ist das Reziproke Lesen zur Förderung des Leseverständnisses. Dabei wenden Kinder in kooperativer Gruppenarbeit abwechselnd Lesestrategien auf einen Text an. Auch hier wissen wir aus vielen Studien, dass die Vermittlung und Anwendung von Lesestrategien das Textverständnis entscheidend fördern. Dazu gehört zum Beispiel das Zusammenfassen von Texten oder passgenaue Überschriften zu Sinnabschnitten zu bilden. Wichtig ist, diese Strategien nicht nur zu kennen, sondern zu erlernen, wann welche Strategie sinnvoll ist.
„Studien belegen, dass regelmäßiges lautes Vorlesen die Leseflüssigkeit verbessert.“
Mareike Ehlert Lesekompetenzen entwickeln sich in der Tat sehr unterschiedlich und in unterschiedlichem Tempo, das zeigen unsere eigenen Studien. Genau deshalb ist eine differenzierte Leseförderung so wichtig. Hierfür braucht es zunächst einmal eine gute Diagnostik, um zu wissen, wo ein Kind steht und bei welchem Förderschwerpunkt man ansetzen muss. Im Grundschulbereich gibt es sehr viele gute standardisierte Tests. Möchten Lehrkräfte beispielsweise schnell und ohne großen Aufwand die Leseflüssigkeit einzelner Kinder erfassen, können sie sehr gut mit dem Salzburger Lesescreening arbeiten. Das lässt sich innerhalb von 10 bis 15 Minuten durchführen und eignet sich zur Erfassung der Lesekompetenzen von Kindern der zweiten bis neunten Klasse. Innerhalb von drei Minuten überprüft eine Schülerin oder ein Schüler dann Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt.
Mareike Ehlert ELFE ist ein Beispiel für einen standardisierten Leseverständnistest für die Klassen 1 bis 7, der das Leseverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene in den Blick nimmt. Kinder müssen dabei etwa das passende von möglichen Wörtern zu einem dargestellten Bild erkennen oder ein Wort heraussuchen, das einen Satz sinnvoll ergänzt.
Ein Beispiel für eine Diagnostik, die mehrere Kompetenzbereiche im Verlauf erfasst, ist die Lernverlaufsdiagnostik quop. Eine Lernverlaufsidagnostik wie quop bietet eine gute Möglichkeit, die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern engmaschig zu begleiten. So lassen sich Lernfortschritte erkennen. Bleiben diese aus, kann die Förderung, wenn nötig, angepasst werden. quop nimmt dabei drei zentrale Kompetenzen – die Lesegenauigkeit, -geschwindigkeit und das Leseverständnis – in den Blick. Die Kinder bearbeiten über das Schuljahr hinweg in regelmäßigen Abständen selbstständig einen quop-Test am Computer.
Mareike Ehlert Digitale Programme können eine differenzierte Diagnostik und Förderung sicherlich leichter machen und sind daher gut für die Leseförderung geeignet. Es gibt allerdings auch Hinweise darauf – vor allem bei ungeübten Leserinnen und Lesern in der Grundschule – dass digitales Lesen auch mit Nachteilen verbunden sein kann und das Lesen am Bildschirm schlechter ausfällt als das Lesen in Heft oder Buch. Ein Erklärungsansatz ist, dass wir Grundinformationen oberflächlicher verarbeiten, also eher überfliegen, wenn wir vor einem Bildschirm sitzen. Wir setzen uns schlichtweg oft nicht so intensiv damit auseinander und müssen digitale Lesegewohnheiten erst erlernen. Ein guter Mix ist daher aus meiner Sicht entscheidend. Lesen mit digitalen Möglichkeiten einzuüben, aber auch durch analoge Lesephasen – insbesondere bei Anfangsleserinnen und -lesern – zu ergänzen.
Mareike Ehlert Lesekompetenz ist nicht nur für den Deutschunterricht wichtig, sondern eine Schlüsselkompetenz für alle Lebensbereiche. Egal, ob wir die Inhaltsstoffe auf einer Müsli-Packung lesen, eine Spielanleitung verstehen wollen oder die Baderegeln im Schwimmbad – Lesen eröffnet uns nicht nur die Möglichkeit, unser Wissen zu erweitern, sondern es stärkt auch persönliche und soziale Kompetenzen, die wir im Alltag brauchen. Auf die Schule bezogen wissen wir, dass Lesekompetenz schulische Leistungen auch in anderen Fächern beeinflusst. Und wir wissen, dass Lesen eine gute Voraussetzung für die Entwicklung von kritischem Denken, Empathiefähigkeit und Problemlösekompetenzen ist.
„Auf die Schule bezogen wissen wir, dass Lesekompetenz schulische Leistungen auch in anderen Fächern beeinflusst.“
Mareike Ehlert Motivation entsteht oft durch Erfolgserlebnisse. Sprich: Wenn ich gut lesen kann oder einen Text verstehe, motiviert das. Ich vergleiche das immer gern damit, ein Musikinstrument zu erlernen. Beim Gitarre spielen macht es beispielsweise am Anfang keinen Spaß, die Basisgriffe zu erlernen. Das ist einfach mühsam. Aber sobald das automatisiert ist, entsteht eine Melodie daraus. Und so ist es beim Lesen auch. Der Zugang zu Texten fällt erst dann leicht, wenn jemand die grundlegenden Fähigkeiten beherrscht. Das heißt: Am Anfang steht daher erst einmal regelmäßiges Üben an, um flüssiger zu lesen. Erst dann geht es darum, Inhalte zu verstehen, ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Wenn das automatisiert funktioniert, entsteht eine positive Leseerfahrung. Kinder entwickeln Freude an der Geschichte. Entscheidend dabei ist dann natürlich, Kindern und Jugendlichen Texte anzubieten, die zu ihren Interessen passen und die sie emotional ansprechen.
Mareike Ehlert Als erstes sollten Lehrkräfte mit einer Diagnostik den Förderschwerpunkt identifizieren, um passende Fördermethoden ableiten zu können. Dazu können sie sich beispielsweise im Internet – etwa in der BiSS-Tool-Datenbank – über mögliche diagnostische Verfahren informieren. Nach Ermittlung dieses Ist-Zustands würde man dann eine passende Fördermethode auswählen. Also zum Beispiel Lesestrategien einüben, wenn der Förderschwerpunkt Textverständnis vorliegt, oder Lautlesemethoden einsetzen, wenn der Förderschwerpunkt Leseflüssigkeit vorliegt. Wichtig ist, in regelmäßigen Abständen wieder zu diagnostizieren, um nachvollziehen zu können: Hat meine Methode die gewünschte Veränderung bewirkt? Oder sollte ich noch etwas anpassen? Meist bietet es sich an, sich mit anderen Lehrkräften zusammenzutun, um verschiedene Ziele auch angemessen behandeln zu können. Die Fördereinheiten selbst müssen gar nicht so lang sein, sie müssen nur regelmäßig sein.
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